16.Jahrgang,
Ausgabe 8
Aug. / Sep.
2010
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Chancen

Hochglanz und Schimmel - Wohnen in Wilhelmsburg in Zeiten der IBA
Unbillige Härten durch Streichung des Elterngeldes
Bildungsoffensive Elbinseln (BOE) eröffnet Infopoint in Kirchdorf
Propagandalüge Gentrifizierung? Von wegen!
 

 

Hochglanz und Schimmel - Wohnen in Wilhelmsburg in Zeiten der IBA

Eine Podiumsdiskussion am 2. September 2010 im Bürgerhaus Wilhelmsburg.

Von Christiane Tursi, verikom Wilhelmsburg

Ich stehe bei der SAGA schon drei Jahre auf der Warteliste, aber es kommt nie ein Wohnungsangebot. Ich war schon so oft da, und immer sagen die mir, es gibt nichts!“, klagt eine Rentnerin in der Beratung.
Frau A. hingegen beschwert sich bitter über die GAGFAH, sie habe jahrelang Schimmel in der Wohnung gehabt und immer wieder angerufen, aber die GAGFAH habe sich nicht gerührt. „Zum Schluss haben wir alles auf eigene Kosten behoben. Aber jedes Jahr erhöhen die die Miete“, meint sie resigniert.
Wohnungsprobleme sind ein großes Thema in der sozialen Beratung bei verikom Wilhelmsburg in der Thielenstraße im Bahnhofsviertel.
Ob es die Wohnungssuche ist, die schier aussichtslos erscheint, oder ob der Vermieter auf angezeigte Mängel nicht reagiert und notwendige Reparaturen einspart: Viele Menschen mit geringem Einkommen spüren, dass in Wilhelmsburg - und nicht nur da - irgendetwas grundlegend schief läuft. Nicht zuletzt deshalb wird die Internationale Bauausstellung mit gemischten Gefühlen erwartet.

Die soziale Kluft wird immer tiefer
Die IBA wirbt mit dem Versprechen, Wilhelmsburg mit neuartigen Wohnmodellen und innovativen Projekten attraktiver zu machen und den Stadtteil aufzuwerten. Aber wer wird von diesem Prozess profitieren? Was wird die jetzt schon sozial benachteiligte Bevölkerungsmehrheit Wilhelmsburgs davon haben?
Eine soziale Kluft tut sich auf zwischen den teuren Bauvorhaben, den privaten Investitionen und Sanierungsmaßnahmen einerseits und dem kaum wahrgenommenen Alltagskampf der Mieterinnen und Mieter andererseits. Ein Kampf gegen immer höhere Mieten oder die Verwahrlosung der Wohnblocks und Häuser, in denen ständig die Aufzüge kaputt sind oder der Putz von den Wänden bröckelt.

Wo bleibt der sozialpolitische Innovationsschub der IBA?
Die kritischen Fragen, die die „Recht-auf-Stadt“-Bewegung in verschiedenen Teilen Hamburgs an die Politik stellt, werden auch in Wilhelmsburg immer drängender: Wo sind die sozialpolitischen Konzepte und Maßnahmen der Stadtentwicklung, die die Gentrifizierung ausbremsen - jene Aufwertungsprozesse, die ganze Stadtteile zunehmend für begüterte Schichten erschließen und durch schleichende Mietsteigerungen ärmere Bevölkerungsgruppen verdrängen, Menschen, die jetzt schon nicht mehr wissen, wohin? Die politisch gewollte und manchmal hemmungslose Gewinnorientierung von Privatinvestoren und Wohnungsgesellschaften sind hier Teil des Problems. Aber müsste nicht eine Internationale Bauausstellung gerade auch einen sozialpolitischen Innovationsschub in der Stadtentwicklung befördern?

Erfüllt die Stadt ihre Pflicht?
Wer erklärt sich dafür zuständig? Was bleibt über von der städtischen Verpflichtung, genügend sozial gebundenen Wohnraum vorzuhalten und die Wohn- und Lebensqualität auch in den ärmeren Vierteln sicher zu stellen? In Kooperation mit der Verständigungsarbeit der Kirchengemeinde Kirchdorf lädt verikom Wilhelmsburg zu einer Podiumsdiskussion ein, um diese Fragen engagierter AnwohnerInnen zu diskutieren.

Podiumsdiskussion:
Hochglanz und Schimmel - Wohnen in Wilhelmsburg in Zeiten der IBA
Der Diskussion stellen sich:
 Uli Hellweg, Geschäftsführer der IBA
 Willi Hoppenstedt, Vorstand der SAGA/GWG
 Metin Hakverdi, Bürgerschaftsabgeordneter der SPD und Vorsitzender des Regionalausschusses Wilhelmsburg/ Veddel
 Thomas Sies, WGNorden Asset GmbH/GAGFAH
 Karin Assmus, Mieter helfen Mietern

Wann? Donnerstag, 2. September 2010 um 19 Uhr
Wo? Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestraße 20

Kontakt und Information:
verikom Wilhelmsburg, Thielenstraße 3a, 21109 Hamburg, Tel. 754 18 40


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Hartz IV

Unbillige Härten durch Streichung des Elterngeldes

Von Julia Stephan, Sozialberaterin

Beate ist 28 Jahre alt. Letztes Jahr ist sie zum ersten Mal Mutter geworden. Ihre Tochter Sophie erzieht sie alleine - der Vater des Mädchens hat sie kurz nach der Geburt verlassen. Da Beate seit längerer Zeit arbeitslos ist, bezieht sie Arbeitslosengeld II, im Volksmund auch „Hartz IV“ genannt.
Bisher steht Elterngeld ein Jahr lang auch Hartz IV-Empfängern zu. Beate sagt: „Das Elterngeld war meine Rettung! Als Hartz IV-Empfängerin bekam ich 300 Euro Elterngeld im Monat, die ich behalten durfte. Gerade in diesem ersten Jahr nach der Geburt hatte ich viele Anschaffungen zu tätigen - von den ganz alltäglichen Dingen wie Windeln, Brei und Pflegemitteln mal ganz abgesehen! Ohne das Elterngeld wäre ich nicht über die Runden gekommen!“
In Zukunft werden Hartz IV-Empfänger ohne Elterngeld über die Runden kommen müssen - die Bundesregierung hat im Rahmen der Sparmaßnahmen beschlossen, dass das Elterngeld für Hartz IV-Empfänger gestrichen wird. Einem/r alleinerziehenden Hartz IV-EmpfängerIn stehen dann Kosten für Unterkunft und Heizung plus 359 Euro zu. Davon muss er/sie Strom, Telefon und sämtliche Bedarfe bezahlen - vom täglichen Brot über Kosmetikartikel bis hin zur Freizeitgestaltung. Für ein neugeborenes Kind kommen nur noch die monatlichen 215 Euro hinzu - das Elterngeld fällt weg.
Der Wegfall des Elterngeldes ist eine unbillige Härte und wird zu neuen sozialen Belastungen der Betroffenen führen.
Die Empfänger von Arbeitslosengeld II laufen Gefahr, noch schneller als bisher in eine Verschuldungsspirale zu geraten.

Sozialberatung in Wilhelmsburg
Haben Sie Fragen rund um das Arbeitslosengeld II und Hartz IV? Dann wenden Sie sich an die Sozialberatung für den Kirchenkreis Hamburg- Ost in Wilhelmsburg.

Christel Ewert
Kirchdorfer Straße 170, 21109 Hamburg, Tel. 28 57 41 18
Julia Stephan
Vogelhüttendeich 55, 21107 Hamburg, Tel. 753 42 04




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Bildungsoffensive Elbinseln (BOE) eröffnet Infopoint in Kirchdorf

 

Karte BOE

MG. Unter dem Motto: „Was willst du morgen können?“ wurde im Haus der Jugend Kirchdorf in der Krieterstr. 11 ein Infopoint eröffnet.
Hier kann man sich über die rund 100 Bildungseinrichtungen informieren, die sich mit ihren Projekten für eine Verbesserung der Bildungssituation auf Wilhelmsburg einsetzen. Zunächst ist das Forum Bildung Wilhelmsburg aus der Zukunftskonferenz in Wilhelmsburg hervorgegangen. Die IBA/BOE ist erst später als Partner dazu gestoßen. Auch der Bezirk Mitte unterstützt die Initiativen für bessere Bildungschancen auf Wilhelmsburg. Auch werden die fünf großen Bauprojekte vorgestellt, die im Rahmen der IBA bis 2013 entstehen sollen. Der Infopoint ist bis Oktober 2010 geöffnet und wird von Jugendlichen und Aktiv-Jobbern betreut, die die Arbeit gleichzeitig zur Fortbildung nutzen.

Eigentlich sollte der Infopoint in dem neuen Haus der Jugend eingerichtet werden, doch dessen Eröffnung ist jetzt auf September verschoben worden. Aber die Ausstellungsmacher haben für die Ausstellung „Galerie der Talente“ die alten Räume noch einmal wunderschön hergerichtet. Es gibt auch schon gute Computer zum arbeiten, die eine große Computerfirma gesponsort hat. Auch die rückenfreundliche Möblierung kann man schon bewundern und die praktischen Dreieckstische.
Heute muss man sein ganzes Leben lang bereit sein, dazu zu lernen. Deshalb ist z. B. das neue Bildungszentrum „Tor zur Welt“ für alle offen, Jung und Alt und alle Kulturen. Auch in Kirchdorf können Kinder, Jugendliche und Erwachsene Waren produzieren und dabei etwas lernen, z. B. in Küchen und Werkstätten in dem neuen Bildungszentrum am Stübenhofer Weg sowie in einem neuen Medienzentrum.

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Propagandalüge Gentrifizierung? Von wegen!

Sirun Clausen

sic. Gentrifizierung - geschieht sie in Wilhelmsburg oder geschieht sie nicht? Werden durch die Aufwertungsstrategien von IBA und Stadt tatsächlich die Mieten teurer und in der Folge arme Menschen aus dem Stadtteil vertrieben? Werden die weniger Begüterten zum Schattenvolk, ausgebootet und zum Stillschweigen verdonnert? Weil nur noch die Bedürfnisse der herbeizulockenden wohlhabenden Klientel zählen? Natürlich war immer klar, dass Stadt und IBA einen solchen Prozess zumindest billigend in Kauf nehmen würden. Es war bekannt, dass die Stadt ihrer Verpflichtung zum sozialen Wohnungsbau nicht nachkommt. Doch würde Gentrifizierung tatsächlich eintreten? Lange Zeit fand ich das schwierig zu beantworten, denn ich konnte es nicht wirklich sehen. Die Mietsteigerungen, von denen ich zu Beginn hörte, erschienen mir im stinknormalen Bereich, wie sie eben alle zwei bis drei Jahre stattfinden. Auch Eigentumswohnungen konnte ich nicht in größerer Zahl in den Annoncen in Zeitungen und Internet finden. Und die Berichte meiner Freundin aus der Sozialberatung boten „nur“ den üblichen Horror, den es schon vor IBA und igs mit dem Hartz IVabhängigen Wohnen gegeben hatte.

Also doch alles Miesmacherei „versprengter Grüppchen ideologisch verblendeter Modernisierungsblockierer“? Nein. Stück für Stück kam es in den vergangenen Wochen an den Tag. Im Reiherstiegviertel gibt‘s keine normalen Wohnungen mehr zu mieten. Für eine einfachste Wohnung ohne Balkon in der Georg-Wilhelm-Straße standen fünfzig Menschen Schlange. Mieten werden mit fadenscheinigen Begründungen zweimal in einem Jahr erhöht. Meine Freundin in der Sozialberatung muss plötzlich feststellen, dass Verhandeln mit der SAGA, um einer von Obdachlosigkeit bedrohten Familie vorläufig die Wohnung zu sichern, nicht mehr möglich ist.
Und nun verikom, die in ihrer Beratung Wohnungsprobleme zuhauf antreffen. Probleme, die alle davon zeugen, dass das Wohlergehen vieler Menschen einfach nicht mehr zählt. Verikom hat sich des Themas jetzt angenommen und lädt zu einer ersten großen Veranstaltung ein. Sehr gut!
Denn wenn eine so renommierte Einrichtung wie verikom die Missstände in aller Öffentlichkeit konstatiert, kann die Gentrifizierungsbeobachtung nicht mehr als ideologisch verblendete Nischenpropaganda abgetan werden.

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