23. Jahrgang,
Ausgabe 3
Mär. / Apr.
2017
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Kultur

Auszeichnung für ehrenamtlichen Einsatz
Buchrezension: Der verschollene Schlüssel
MitsängerInnen gesucht!
Hildesheimer - Wilhelmsburger Jude Heimatlos
„Er konnte in dieser Welt nicht heimisch werden“
Heino Zinserling zum 125. Geburtstag
Authentischer Ort für viele Besucher
Kinderjahre in der Rotenhäuser Straße
Winter- / Sommerlektüre

 

Auszeichnung für ehrenamtlichen Einsatz
Hildebrand Henatsch bekam die goldene Ehrennadel Elbinsel 2016 für seinen unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz

Henatsch

Hildebrand Henatsch bei der Verleihung der Ehrennadel.
Foto: K. Lübke

MG. Auf der Elbinsel gibt es wunderbare Menschen, die sich für das Zusammenleben der vielen unterschiedlichen BewohnerInnen hier einsetzen. Und die örtlichen PolitikerInnen bedauern oft sicherlich, dass sie nicht mehrere Ehrennadeln vergeben dürfen. Aber auch dieses Jahr haben sie wieder eine gute Wahl getroffen. Dass diese geheim ist, erhöhte die Spannung auf dem Parlamentarischen Abend im Februar. Pastor i. R., Hildebrand Henatsch, ahnte jedenfalls nichts und freute sich sehr über die Ehrung.

Im Wilhelmsburger InselRundblick haben wir Hildebrand schon mehrfach geehrt. Er bekam z. B. 1999 den goldenen Willy als Dritter nach einer Schulklasse, die sich besonders für einen bedrohten kurdischen Mitschüler eingesetzt hatte, und Marta Seeland, die die Ehrung für ihr Engagement im Heimatmuseum erhielt. Später gratulierten wir Hildebrand auch zu seinem 75. Geburtstag, denn er war auch nach seinem Ruhestand im Jahre 2000 im Stadtteil so präsent wie zuvor und kümmert sich immer weiter um seine Zöglinge, wie die Wilhelmsburger Tafel am Stübenplatz und die Fahrradwerkstatt, heute „elbinselRAD“, im Reinstorfweg. Mit einer ehrenamtlichen Selbsthilfegruppe setzte er durch, dass das Deichhaus vor über 15 Jahren in Erbpacht übernommen und als sozialer Treffpunkt eingerichtet werden konnte. Es grenzt an ein Wunder, dass es vor dem Abriss gerettet wurde.
Hildebrands Aktivitäten sprachen sich sogar bis Berlin herum und WIR konnten ihm 2015 zu der Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland gratulieren.
Während seiner Zeit auf Wilhelmsburg (seit 1978) lag Hildebrand immer das Zusammenleben aller WilhelmsburgerInnen am Herzen, das der UreinwohnerInnen und das der neu Zugezogenen, egal woher.

Aber Hildebrand engagiert sich auch in dem Verein „Fahrradstadt Wilhelmsburg“ und in den großen Verkehrsdebatten auf den Inseln weist er stets auf die Förderung des Radverkehrs hin. Wovon er selbst profitieren könnte, denn Hildebrand ist immer noch begeisterter Radfahrer und unternimmt mit seiner Frau Marion schöne Fahrradtouren.
Wir wünschen ihm alles Gute für seine zukünftigen Projekte.

Elbinselorden

So sieht sie aus: Die goldene Ehrennadel Elbinsel 2016.
Foto: Wernicke

 

 

 

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Buchrezension: Der verschollene Schlüssel
Eine realistische und erschütternde Migrantengeschichte

Buch

hk. Auf den ersten Blick ist „Der verschollene Schlüssel“ ein Krimi. In Lüneburg wird ein junger Afrikaner mit schweren Stichverletzungen aufgefunden. Ein Kripobeamter muss ihn im Krankenhaus befragen, um die Täter – offenbar Landsleute – ausfindig zu machen. Der junge Mann, Addae, erzählt ihm dann aber die ganze Geschichte von Anfang an. Und so ist das Buch neben dieser kleinen Rahmenhandlung im Kern – und auch vom Umfang – die Geschichte von Addaes langer und gefahrvoller Reise von seiner ghanaischen Heimatstadt Yendi bis ins „Schlaraffenland“ Deutschland, wo er schließlich zufällig in Lüneburg landet.
Es ist die Geschichte von der Abenteuerlust junger Männer und der Hoffnung auf ein besseres Leben, von Banden und Wegelagerern in der Wüste und von afrikanischen Sklavenhaltern. Von verbrecherischen Schleppern, die für den Tod von tausenden von Flüchtlingen verantwortlich sind.
Der Autor Karsten Hoff ist im Hauptberuf Kommissar auf der Wilhelmsburger Revierwache 44. Hintergrund seiner Geschichten sind wahre Begebenheiten aus seinem Berufsalltag. In seinem ersten Roman „Glück oder Seligkeit“ war es der Einsatz gegen einen Obdachlosen, der in eine Laube eingebrochen war (siehe auch WIR 4/2012).
Im vorliegenden Buch war es ein versuchter Totschlag an einem jungen Migranten in Wilhelmsburg, ein Racheakt einer nordafrikanischen Gang, aus der der junge Mann aussteigen wollte. Im Buch wurde der Fall nach Lüneburg verlegt.

Auf der Grundlage seiner eigenen Erlebnisse und seiner Recherchen erzählt Karsten Hoff eine realistische und erschütternde Migrantengeschichte. Er malt nichts schön. Die jungen Männer sind keine unschuldigen Sympathieträger. Die Gang, aus der Addae aussteigen wollte, ist wegen Raub und Körperverletzung revierbekannt. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Ursachen der Flucht die elenden Zustände in Afrika sind und die – vergeblichen – Hoffnungen der Menschen. Und dass wir es sind, denen es im Verhältnis gut geht.
Ein Schlüsselerlebnis während der Arbeit am Buch, so Karsten Hoff, waren die „Fragen an besorgte Bürger“ des DGB-Bayern. Er stellt sie als Anhang an den Schluss des Buches. Die ersten drei Fragen lauten: Haben Sie eine Wohnung? Haben Sie ausreichend zu essen? Schlafen Sie im eigenen Bett?

Karsten Hoff: Der verschollene Schlüssel; Eine Reise ohne Rückkehr,
Verlag BoD Norderstedt 2016, 230 Seiten, 8,50 Euro.

 

 

 

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MitsängerInnen gesucht!

Kirchenchor

Die Kirchdorfer Kantorei.
Foto: Wernicke

Magda Baus. Jeder, der Lust auf Chorsingen hat, ist bei der Kirchdorfer Kantorei herzlich zum Mitmachen eingeladen. Die Kirchdorfer Kantorei ist eine sangesfreudige Gruppe von 40 Sängerinnen und Sängern durch (fast) alle Altersstufen, die neben den gemeinsamen Proben auch gerne das gesellige Leben genießen. So werden zum Beispiel gemeinsames Essengehen oder auch Chorfreizeiten (Amrum, Ratzeburger See) organisiert. Seit 5 Jahren leitet Monika Lütgert den Chor. Das Repertoire der Kantorei beinhaltet hauptsächlich geistliche Musik. Neben der Mitgestaltung von Gottesdiensten führt sie auch größere Werke mit Orchester auf.
Unsere bisherigen Aufführungen waren:
J. S. Bach: Weihnachtsoratorium;
F. Schubert: Messe in G;
C.Ph.E. Bach: Magnificat.

Unser nächstes Projekt ist das Requiem von W. A. Mozart, das wir im November 2018 aufführen werden. Mit den Proben beginnen wir jetzt schon – natürlich immer wieder unterbrochen von kleineren Werken, die wir zu anderen Anlässen vortragen wollen. Wer nun neugierig geworden ist und bei der Gruppe mitsingen möchte, der kann sich direkt an die Kantorei wenden, am besten über das Büro der Kreuzkirche unter 75 44 829.



 


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Hildesheimer - Wilhelmsburger Jude Heimatlos

Für mich war die nähere Beschäftigung mit Hildesheimer mit einigen Überraschungen verbunden - sowohl hinsichtlich der Person und ihrer Biografie als auch in Hinblick auf die historisch-politische Einordnung.
Unbekannt war mir, dass Hildesheimers Eltern bei seiner Geburt in Wilhelmsburg wohnten: in der Rotenhäuser Straße 15 in einem der Direktorenhäuser der vormaligen Firma Schlinck & Co („Palmin“). Dort arbeitete der Vater, Arnold Hildesheimer, als Betriebschemiker.
Dies war eine weitere Überraschung: Hildesheimer stammt aus einer jüdischen Familie, sein Vater Arnold war Nachkomme bedeutender deutscher Rabbiner, er musste sein Chemiestudium gegen den elterlichen Willen durchsetzen, seine zionistische Auffassung teilte seine Familie nicht. Die Mutter Hanna, geborene Goldschmidt, kam aus einer Hamburger jüdischen Buchhändlerfamilie im Grindelviertel.
Später hatte Arnold Hildesheimer in Mannheim eine Tätigkeit bei den Margarinewerken Van den Bergh („Rahma/Rama“) übernommen, die 1929 mit dem englischen Seifenhersteller Lever zur neuen Firma Unilever fusionierte. Die rassistische Verfolgung ab dem Jahr 1933 erzwang das Exil der Familie. Die Tätigkeit bei der Firma Unilever wiederum ermöglichte dem Vater, im britischen Mandatsgebiet Palästina für Unilever zunächst Markterkundungen vorzunehmen.

Eine dritte Überraschung war mein Bild von Hildesheimer. Ich erinnere ihn als dunklen Apokalyptiker, könnte den Ursprung dieses Bildes aber gar nicht begründen. Vielleicht ist es die Erinnerung an Interviews wie im Stern vom April 1984, wo er vor einer ökologischen Katastrophe warnt („Der Mensch wird die Erde verlassen“). Dieses dunkle Hildesheimerbild ist zu ergänzen: Das Foto des jungen Mannes zeigt einen blendend aussehenden Dandy - und die Werke: in einem heiteren, ironischen Ton verfasst. Sie haben allerdings vielfach einen dunklen Unterton, der meines Erachtens in einer öffentlich verdrängten jüdischen Geschichte begründet ist.
Dies begegnete mir auch bei der Recherche. So spricht Wikipedia in dem Eintrag zu Wolfgang Hildesheimer zwar von jüdischen Eltern, dann aber heißt es: „Sein Vater Arnold gründete nach seiner Auswanderung nach Palästina eine Chemiefabrik.“ Wieso heißt es hier einfach „Auswanderung“, wo es doch um die Flucht vor rassistischer Verfolgung der Familie aufgrund ihres Jüdischseins ging?
Auch der knappe Wikipediaeintrag für den Fabrikanten Julius Schlinck ist bezeichnend lückenhaft. Er endet mit dem Satz: „Es traf ihn schwer, dass sein einziger Sohn 1933 nicht [Mitglied der pflichtschlagenden studentischen Verbindung] Starkenburger werden konnte und er selbst nach dem Arierparagraphen ausscheiden musste.“ Diesen Satz kennzeichnen seine Auslassungen: Man spricht von Ariern und 1933, aber nicht von Juden.

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„Er konnte in dieser Welt nicht heimisch werden“
In seiner Biografie über Wolfgang Hildesheimer beschreibt der Literaturprofessor Stephan Braese die Heimatlosigkeit als prägende Erfahrung des jüdischen Autors

Hildesheimer

Wolfgang Hildesheimer mit seiner Katze Anni.
Foto: Familienbesitz

Axel Schaper. Bereits in der Ausgabe 12/2016 berichtete der WIR über die Enthüllung einer Gedenktafel der Patriotischen Gesellschaft für den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer an seinem Geburtshaus in Wilhelmsburg. Sie fand am 8. Dezember statt, am 9. Dezember wäre Hildesheimer 100 Jahre alt geworden.
Eine soeben vorgelegte Biographie ermöglicht es, Wissenslücken - namentlich zu einer verdrängten jüdischen Geschichte – über Hildesheimer zu füllen.
Der Autor Stephan Braese war Initiator der Gedenktafel und Redner bei der Enthüllung. Er ist Professor für Europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte an der Rheinisch-Westfälischen TH Aachen und exzellenter Kenner dieser Geschichte.
Einleitend stellt Braese anhand autobiographischer Skizzen, die Wolfgang Hildesheimer aus unterschiedlichen Anlässen vorgelegt hat, dessen zentrale Erfahrung hervor: die der Heimatlosigkeit. Sätze wie „er konnte in dieser Welt nicht heimisch werden“ finden sich in seinem literarischen Werk immer wieder.
Es ist diese jüdische Erfahrung der erzwungenen Heimatlosigkeit, die zur Auswanderung Hildesheimers nach Palästina führt. Zu seinem Aufenthalt in London, der seine Zweisprachigkeit begründet. Zu dem Versuch, dieser Erfahrung in unterschiedlichen künstlerischen Formen Ausdruck zu geben; in denen der bildenden Kunst, die er wegen Farbenblindheit aufgeben muss, und in unterschiedlichen literarischen Gestaltungen.
Hildesheimers Sprachkenntnisse – er hatte bereits in Palästina für die britischen Behörden gearbeitet – führen dazu, dass er in den Nürnberger Nachfolgeprozessen als Simultandolmetscher arbeitet. Und auch bei der späteren Redaktion der Protokolle mitwirkt. Hildesheimer lernt hier von den deutschen Verbrechen aus erster Hand. Braese zeichnet nach, wie die anstrengende physische Erfahrung des Dolmetschens sich formal im Werk Hildesheimers spiegelt.

Dies ist eine typische Vorgehensweise Braeses: Er bleibt eng an den Texten Hildesheimers und geht eingehend auf die zeitgenössischen Reaktionen auf dessen Werk ein. Hier gelingen Braese entlarvende Darstellungen der Verweigerung, Hildesheimers „jüdische Erfahrung“ wahrzunehmen. Braese stellt diese literarisch-politischen Debatten in der jungen Bundesrepublik auf aktueller und erschöpfend aufgearbeiteter Materialgrundlage dar. Zu diesen Debatten gehört etwa Hildesheimers Positionierung für Israel 1967, die zu einer scharfen Auseinandersetzung mit Erich Fried und Peter Weiss führt.
Weiss und Hildesheimer begegnen sich 1965 literarisch (persönlich waren sie auch bekannt) in dem Sammelband „Atlas. Zusammengestellt von deutschen Autoren“. Weiss schreibt da unter dem Titel „Meine Ortschaft“: die „Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam“. Diese Ortschaft ist Auschwitz. Hildesheimer trägt zum Atlas „Die Margarinefabrik“ bei, die allerdings in Norwegen liegt. In dem Prosastück heißt es: „Ich kenne Margarinefabriken, mein Vater war Chemiker in einer Margarinefabrik in Hamburg, leitete eine in Mannheim und hat in Haifa eine dritte aufgebaut.“ ...
Die Orte von Hildesheimers weiterem Lebenswegs zeichnet Braese bis zu dessen Tod 1991 in Poschiavo (Schweiz) nach.

Stephan Braese, Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer.
Eine Biographie.
Wallstein Verlag 2016, 550 Seiten,
44,90 Euro

 

 

 

 

 

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Museum Elbinsel Wilhelmsburg:

Amtshaus

 

Heino Zinserling zum 125. Geburtstag
Werkschau aus Beständen des Museums Elbinsel

Bilder

Unermüdlich hat Heino Zinserling das ländliche Wilhelmsburg festgehalten.
Auch zahlreiche Fotos von alten Häusern hat er gemacht, die heute
im Archiv des Museums liegen.
Foto: MEW

Claus-Peter Rathjen/MEW. Am 24. Oktober wäre der früher in Wilhelmsburg lebende Künstler Heino Zinserling 125 Jahre alt geworden. Dies ist Anlass für die Museumsmacher, eine umfassende Werkschau des bedeutenden Künstlers aus eigenen Beständen zu zeigen. Schon zum 100. Geburtstag und zu weiteren Anlässen wurden Ausstellungen im Museum und auch im Bürgerhaus Wilhelmsburg organisiert.
Die Kuratoren der jetzigen Ausstellung haben es sich nicht leichtgemacht, denn als sie sich mit der Vita Heino Zinserlings auseinandersetzten, entdeckten sie, dass er während des Nationalsozialismus‘ der SA (Sturmabteilung der NSDAP) angehörte. Ob er sich dabei etwas zuschulden hat kommen lassen, kann nicht gesagt werden, doch allein die Tatsache gab den Kuratoren zu denken.
„Er verkannte den Nationalsozialismus in seiner blinden Künstlernaivität, erst spät Heino Zinserling zum 125. Geburtstag
Werkschau aus Beständen des Museums Elbinsel begriff er den wahren Charakter der nationalsozialistischen Bewegung“, heißt es in einer vielleicht etwas voreilig geäußerten Stellungnahme eines Zeitzeugen über Zinserling. Es galt abzuwägen, ob die Ehrung nicht besser abgesagt oder das künstlerische Schaffen an sich gewürdigt werden sollte. Da Zinserling jedoch ein sehr vielfältiges, bewegtes, sich veränderndes Leben geführt hat, entschlossen die Kuratoren sich am Ende doch, die Werkschau zu zeigen.

Elsa Zinserling, eine Verwandte von Heino Zinserling, erinnerte sich in einem Gespräch mit dem Göttinger Tageblatt anlässlich der Ausstellung „Wiederentdeckt“ (2014) des Duderstädter Heimatmuseums: „Manchmal kam er uns aus Hamburg besuchen – mit seinem Hilfsmotor-Fahrrad ... Der Heino war ein Eigenbrötler, ein typischer Künstler eben, der leider in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte“.
Zinserling wurde 1891 in Duderstadt geboren und starb 1980 in Wilhelmsburg. Er war ein akademisch ausgebildeter Maler und international anerkannter Grafiker und Zeichenlehrer. Bevor er Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei den Professoren Illies und Meyer-Thur studierte, studierte er in München und Kassel. In Kassel widmete er sich auch der Bildhauerei. Vorher hatte er ein Studium der Theologie aufgenommen. Seit Ende der zwanziger Jahre wirkte er als freischaffender Künstler in Wilhelmsburg. Dort, wo bis vor einigen Jahren an der Dratelnstraße die Schwimmhalle stand, lebte er in einem Jugendstilhaus und weigerte sich lange Zeit, dort auszuziehen.
In den 1920er-Jahren engagierte er sich für den „Friedensbund der Kriegsteilnehmer“ (1. Weltkrieg). Nach dem 2. Weltkrieg und nach seiner Entnazifizierung engagierte er sich in der Friedensbewegung und wurde zum Ostermarschierer gegen Atomwaffen. Damit schloss sich der Kreis vom Friedensbund zur Friedensbewegung.

Heino Zinserling arbeitete als Kunstlehrer u.a. in verschiedenen Einrichtungen wie der Volkshochschule und dem Arbeitslosenwerk oder auch in „Otto Hopp‘s Tanzlokal“, dem späteren „Penny Lane“ in Kirchdorf.
Er war ein leidenschaftlicher und begnadeter Porträtzeichner. Im Museum Elbinsel Wilhelmsburg kann man in der Dauerausstellung seine Porträtzeichnungen der Wilhelmsburger Melker und ein großes Porträt von Ernst Reinstorf sehen. (Auch das Wirken des Vereinsgründers und des damaligen Vereins für Heimatkunde während der NS-Zeit ist im übrigen bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht erforscht.)
Heino Zinserling hatte Ausstellungen in den USA, Italien und Monaco. Er erhielt im Ausland mehrfach Preise für sein Werk. Seinen Namen findet man in vielen Künstlerlexika.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 2. Oktober, um 14.30 Uhr eröffnet und ist bis April 2017 zu sehen.
Der Eintritt ist frei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Authentischer Ort für viele Besucher
Auf einer Fachtagung mit internationalen Museumsexperten wurde das Konzept des geplanten großen Deutschen Hafenmuseums diskutiert

Werft

Kleine Werft im Museum: Im nächsten Sommer geht die Jolle der Stadtteilschule Wilhelmsburg zu Wasser. Foto: ein

hk. Der Bund hatte im letzten Jahr 120 Millionen Euro für die Errichtung eines solchen Museums bewilligt und damit die Realisierung einer alten Idee möglich gemacht. (siehe auch WIR 5/16). Der WIR sprach mit der Leiterin des Hafenmuseums, Ursula Richenberger, und mit Holger Mahler, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Hafenkultur e.V., in dem sich die Ehrenamtlichen zusammengeschlossen haben, über die Ergebnisse.

Die ehrenamtlichen Hafensenioren aus verschiedenen Hafen- und Seefahrtsberufen haben das Museum im Schuppen 50a am Bremer Kai seit über zehn Jahren mit aufgebaut. „Wir haben immer die Idee gehabt, dass daraus mal ein großes Museum werden soll“, sagt Holger Mahler, „aber die ersten Pläne waren der Stadt zu teuer“. Umso mehr freut sich der Verein Hafenkultur über die außergewöhnliche Finanzspritze des Bundes für die Errichtung eines „Deutschen Hafenmuseums“.
Das Symposium im Oktober war jetzt die erste wichtige Station auf dem Weg zur Realisierung. „Das wichtigste Ergebnis für uns war,“ sagt Ursula Richenberger, „dass wir das große Museum von einem breiten Besucherspektrum her denken müssen und nicht mehr nur von maritim Engagierten.
Im Rahmen der geplanten Themenbereiche Geschichte, Hafen und Wirtschaft, Schiffbau, Arbeitswelt und „Mythos Hafen“ soll das neue Museum mit informativen, unterhaltenden und Mitmach-„Modulen“ sowohl für Familien mit Kindern als auch für Leute vom Fach interessant sein. Auf keinen Fall, so Ursula Richenberger, solle es aber ein maritimes Disneyland werden. Im Bereich Hafenarbeit möchte sie den besonderen Charakter der originalen 50er-Schuppen und Kais unbedingt erhalten. Die Mitarbeit der Ehrenamtlichen, die die alten Geräte und Schiffe in Betrieb halten und den Besuchern „von früher“ erzählen, sei dafür unverzichtbar. Denkbar sei auch eine kleine Museumswerft, auf der echte Oldtimer gebaut werden könnten. Außerdem strebe sie die Kooperation mit Hafenbetrieben an:
„Warum sollte das Museum nicht auch Ausbildungsort für Logistikberufe sein.“ Konkretisiert werden können die Pläne erst, wenn feststeht, wie der Museumsbau aussehen wird und vor allem, wo der Standort des Museums sein wird.
Neben dem jetzigen Ort mit den 50er-Schuppen am Bremer Kai sind das Ufergelände in der Hafenstraße, die Freifläche gegenüber auf Steinwerder und der Baakenhafen im Gespräch. Gegen den jetzigen Standort spricht eigentlich nur die bisher schlechte Erreichbarkeit. Voraussetzung für das Museum hier wäre eine feste Fährverbindung bzw. eine Einbindung in das HADAG-Liniennetz. Ansonsten spricht auch aus Sicht der internationalen Fachleute alles für diesen Platz am Bremer Kai. So betonte der Leiter des Rotterdamer Maritimen Museums, Frits Loomeijer, auf dem Symposium die große Bedeutung eines „authentischen Ortes“. Die Atmosphäre der 50er-Schuppen kann man nicht irgendwo anders hin mitnehmen.
Im April, so Ursula Richenberger, werde der Senat auf der Grundlage der Vorschläge einer Projektgruppe aus Museumsmitarbeitern und Mitgliedern der Stiftung Hamburg Maritim und der Kulturbehörde über den Standort entscheiden.

Peking Segelschiff

 

Die Viermastbark „Peking“ soll einmal das Wahrzeichen des Deutschen Hafenmuseums werden. Zur Zeit wird das jahrelang im New Yorker Seaport Museum verrottete Schiff auf einer Werft auf Staten Island abgetakelt und seine Statik für den Transport auf einem Dockschiff überprüft. Voraussichtlich im April geht es auf diesem Dockschiff über den Atlantik und wird dann auf einer europäische Werft komplett restauriert.

 

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Kinderjahre in der Rotenhäuser Straße
Am 8. Dezember wurde die Gedenktafel am Elternhaus des Schriftstellers Wolfgang Hildesheimer enthüllt

Hildesheimer

Literaturprofessor Stephan Braese vor dem Elternhaus Hildesheimers, im Hintergrund die Gedenktafel. Der Text auf der Tafel lautet: „In diesem Haus wurde der Schriftsteller und bildende Künstler Wolfgang Hildesheimer am 9. Dezember 1916 geboren.
Mit Werken wie „Tynset“ und „Masante“ trug er entscheidend zum Wiederanschluss der deutschsprachigen Literatur an die europäische Moderne nach 1945 bei. ( ... ) 1966 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis und 1983 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Er starb am 21. August 1991 in Poschiavo, Schweiz.“

Foto: hk

hk. Der Text über Wolfgang Hildesheimer, den der Literaturwissenschaftler Stephan Braese dem WIR im letzten Monat geschickt hat, löste nicht nur bei uns Staunen aus (siehe WIR 11/2016, S. 9). Weder in der Geschichtswerkstatt noch im Buchladen war bekannt, dass Hildesheimer, einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, als Kind bis zu seinem 10. Lebensjahr in Wilhelmsburg gelebt hat.
Auf Initiative der Patriotischen Gesellschaft wurde nun in der vergangenen Woche zu seinem 100. Geburtstag vor seinem Elternhaus in der Rotenhäuser Straße Nr. 15 in einem kleinen feierlichen Akt eine Gedenktafel enthüllt. Die Patriotische Gesellschaft ehrt mit ihrem Gedenktafelprogramm verdiente HamburgerInnen.

Stephan Braese, Inhaber der Ludwig-Strauss-Professur für europäisch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte an der TU Aachen, ist Autor einer gerade erschienenen ersten umfassenden Hildesheimer-Biographie. Er eröffnete auf der Feier einen kurzen Blick auf das Leben Wolfgang Hildesheimers. Dieser sei nicht nur ein bedeutender Schriftsteller und bildender Künstler gewesen, sondern auch – als Jude und Emigrant – eine wichtige Stimme des politisch engagierten Bürgertums. So habe er auf die Frage, warum er nicht in Deutschland lebe, geantwortet, es sei ihm nicht gegeben, in Staatsbürgerschaften zu denken.
Hildesheimer war auch ein Vorreiter der Umweltschutzbewegung. Die naturwissenschaftliche Orientierung des Vaters, der bei der Firma Schlinck arbeitete, war für das Werk des Sohnes durchaus einflussreich, wenn man sich vor Augen hält, dass sich Hildesheimer als einer der ersten in der deutschen Öffentlichkeit - bereits 1973 - auf der Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse („Club of Rome“) intensiv mit der ökologischen Bedrohung auseinandergesetzt hat.
Die Hildesheimer-Biographie „Jenseits der Pässe“ ist im Wallstein-Verlag, Göttingen, erschienen. Da uns das Rezensionsexemplar nicht rechtzeitig erreicht hat, folgt die ausführliche Buchbesprechung im nächsten Jahr im
WIR 1/2017.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

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Winter- / Sommerlektüre

 

*Die Hyäne von Hamburg

Hyäne-Buch


pv. Zwei Tote, acht Schüsse, sechs Projektile. Eine verletzte Zeugin, die mehr gesehen zu haben scheint als sie sagt. Ein myster iöser Kriminalfall für Kommissar Kastrup und seine Kollegen von der Hamburger Kripo: Die „Hyäne“ tötet dem Tod geweihte Junkies, um ihre Identitäten weiterzuverkaufen.
Ein Thriller, der durchaus glaubwürdig in Szene gesetzt ist. In Industriebrachen und Parks, unter anderem in Wilhelmsburg, verankert der Autor seinen Thriller mit präziser Ortskenntnis. Auffällig an diesem Roman ist, dass die eigentliche Handlung in eine Vielfalt von Nebenszenen eingebettet ist. Der Autor thematisiert in diesen Nebenszenen die heimische Bevölkerung, deren politische Situation aber auch persönliche Schicksale.
Immer wieder tauchen Spuren und Verdächtige auf, verschwinden wieder und lassen den Thriller unfertig wirken. Ehlers gelingt es dennoch, den Leser ständig durch einen sachlichen Erzählstil, kombiniert mit Dialogen, in seinen Bann zu ziehen. Er überrascht immer wieder mit neuen Wendungen .
Ein durchaus spannender und unterhaltsamer Krimi.

Die Hyäne von Hamburg,
Jürgen Ehlers,
KBV Verlag, 287 Seiten,
10,95 Euro.

 

 

Mädchenmeute

hk. Erstmal ist „Mädchenmeute“ ein spannendes Jugendbuch. Sieben Mädchen lernen sich kennen als Teilnehmer innen eines Survival-Feriencamps in einem ehemaligen DDR-Pionierlager. Schon am ersten Tag passieren merkwürdige Dinge. Irgendjemand sperrt sie ein, die durchgeknallte Camp-Organisatorin macht sich aus dem Staub. Die Mädchen beschließen, abzuhauen und die zwei Ferienwochen im Erzgebirge zu verbringen. Dort kennt eins der Mädchen, Anuschka, einen verlassenen Bergwerkstunnel, den ihr ihr Großvater einmal gezeigt hat. Auf dem Weg dorthin klauen sie noch ein Hundefängerauto im guten Glauben, die Hunde vor dem sicheren Tod zu retten.
Es folgen zwei Wochen voller Abenteuer, Freiheit, Streitereien und Freundschaft und kleinen Tragödien. Zum glücklichen Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, ein Mädchen muss ins Krankenhaus, sie entdecken, wer die ganze Zeit hinter ihnen her spioniert hat, und kommen nebenbei in dem Tunnel dem finsteren Geheimnis des besagten Großvaters auf die Spur.
Die sieben Mädchen sind dabei eine bunte Truppe von ganz unterschiedlichen Charakteren. Vom 12-jährigen Küken Antonia bis zur Ältesten, Anuschka, die zur Not glaubhaft eine Junglehrerin mimt. Von der Anführerin, der rebellischen Bea, die im Stehen vom Dach pinkelt – „Mädchen können alles“ – bis zur schüchternen Ich-Erzählerin Charly, die im Lauf der zwei Wochen immer mutiger wird.
Und man merkt der Schilder ung an, wie sympathisch die Figuren und ihr Abenteuer der Autorin Kirsten Fuchs sind.
Was dieses Jugendbuch besonders macht, ist der Stil. Kirsten Fuchs ist prominentes Mitglied der Berliner Lesebühnenszene und eine preisgekrönte Satirikerin. Sie schreibt in einer oft schnodderigen Alltagssprache, voller Witz und mit umwerfend komischen Bildern. An einer Stelle sagt die schüchter ne Charlotte: „Ich spuckte auf den Boden. Nie würde ich mir das wieder nehmen lassen. Ich war dürr – na und? Ich war langsam ¬ leck mich! Meine Nase sah aus wie der Griff einer Gießkanne – JAWOLL! So sieht sie aus, diese Nase. Ich habe keine andere.“
Das Buch eignet sich also auch prima zum Vorlesen. Und im nächsten Jahr wird es verfilmt.

Mädchenmeute, Kirsten Fuchs,
Rowohlt Taschenbuch Verlag,
463 Seiten, 9,99 Euro

 

Käsebier erobert den Kurfürstendamm


sic. Dieses Buch hören Sie beim Lesen. Großstadtlärm, Stille in den Seitenstraßen, den schwungvoll-ungehobelten Gesang des Varietésängers Käsebier, Schritte, Schreibmaschinen, Stimmen ... Und Sie sehen sie vor sich, die unterschiedlichen Menschen: die unglücklich verliebte Redaktionssekretärin, den Untermieter, den Baulöwen, den Bankier und seine Gattin. Sie sehen auch Schreibtische mit mehr oder weniger wichtigen Männern dahinter, den Setzer in seiner Setzerei, armselige Zimmer und prächtige Wohnungen, das billige Varieté und das noble.
Die wiederentdeckte Geschichte vom medial hochgejubelten Sänger Käsebier und allen, die an diesem zweifelhaften Ruhm partizipieren möchten, spielt im Berlin am Ende der Weimarer Zeit. Die Themen der rasanten Geschichte sind aktueller denn je: Es geht um die Definition von „Kunst“, um Prominenz, Stars und Sternchen und um einen mittelmäßigen Unterhalter, der zum Künstler hochgehypt wird. Es geht um den Verlust von Qualitätsjournalismus zugunsten von Wirtschaf tlichkeit, um Wohnungsnot und Wohnungsbau, Abstiegsängste, Verarmung und abgehobene Superreiche.
Das Ganze ist höchst witzig und intelligent erzählt. Die Autorin Gabriele Tergit war Journalistin in Berlin und Deutschlands erste Gerichtsreporterin. Sie schreibt im Reportageton, schnell, farbig, direkt, erweckt mit wenigen Worten ganze Szenerien und Milieus zum Leben. Zwischendrin findet sie fast lyrische Bilder, erinnert darin an ihre Zeitgenossin Mascha Kaléko. Den Grundton bildet eine feine, ironische Distanz.
Grandios sind auch die Dialoge. Über weite Strecken benötigt die Autorin überhaupt keine näheren Beschreibungen des Sprechens, es heißt einfach nur „sagte Margot“ oder „fragte Oberndorfer“, oft noch nicht einmal das. Denn die wörtliche Rede hat bei Gabriele Tergit alles schon in sich, sie charakterisiert die Personen, lebendig und individuell, und den Ton ihrer Unterhaltung.
Allein wegen der wundervollen Sprache, macht es Riesenspaß, dieses Buch zu lesen. Doch auch alle, die einfach nur gute Geschichten wollen, kommen auf ihre Kosten. Denn man wird mitgerissen wie die Figuren selbst, wander durch die unterschiedlichen Großstadtmilieus und bekommt en passant auch eine ganze Menge mit über das Ende der Weimarer Republik.
Als der Roman 1931 herauskam, war er ein großer Erfolg. Gabriele Tergit emigrierte 1933 nach Palästina, zog 1983 nach London, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 lebte.

Käsebier erobert den Kurfürstendamm,
Gabriele Tergit,
Schöffling & Co., 398 Seiten, 24,95 Euro

 

*Die Vollpfostenmasche

Vollpfostenmasche


MG. Torsten Hantsch, Verwaltungsangestellter, gesetzestreu und bis vor kurzem mit seiner strengen Mutter zusammen lebend, findet zum Ende seines Jahresurlaubs auf Amrum beim Strandspaziergang einen Feuerlöscher. Er würde ihn gern behalten, will aber vorher wissen, ob er noch in Ordnung ist.
Dazu sucht er den Wartungsdienstmitarbeiter Petter Jensen auf, der sofort erkennt, dass der Löscher kein Löschpulver, sondern kleine weiße Päckchen mit Koks enthält.
Hantsch will sofort zur Polizei aber es kommt immer was dazwischen und schließlich lässt er sich von Jensen überreden, das Rauschgift zu verkaufen. Petter braucht Geld und Hantsch sieht sich schon im Besitz eines alten Opel Diplomats.
Die ganzen Verwicklungen, in die die beiden geraten, sind überraschend und spannend. Wie das ungleiche Duo die brenzlichen Situationen meistert ist ein großer Lesespaß.

Die Vollpfostenmasche,
Ria Klug,
ISBN 978-3-89425 - 451-3,
9,99 Euro

 

 

Buch

Club der Töchter*
pv. Natasha Fennells Mutter kommt schwer erkrankt ins Krankenhaus. Natasha fragt sich, ob sie ihr wohl eine gute Tochter ist. Was möchte sie noch mit ihr unternehmen, ihr sagen oder sie fragen? Ihre Gedanken for muliert sie in einer Kolumne, auf die sie zahlreiche Resonanzen unterschiedlichster Frauen bekommt.
Gemeinsam mit Róisín Ingle gründet Fennells mit neun Frauen den Club der Töchter. Aus diesen Gesprächen entsteht ein Buch, in dem die Frauen über von ihren persönlichen Geschichten und Beziehungen zu ihren Müttern erzählen. Dabei wird schnell klar: Jede von ihnen möchte etwas verbessern, der Mutter Zeit oder Aufmerksamkeit schenken oder Dankbarkeit aussprechen.
Dieses Buch erhält durch die persönlichen Geschichten und Kommentare der Autorinnen einen Sachbuchcharakter. Doch es ist kein Ratgeber mit konkreten Vorschlägen, sondern ein eher individuelles Stimmungsbild jeder der Frauen und ihres Mutter-Tochter-Verhältnisses.
Man liest die Berichte und ist zum Teil erfreut, erschrocken, traurig und tief berührt. „Club der Töchter“ behandelt ein Thema, über das sich vielleicht die meisten Frauen wenig Gedanken machen, das aber fast jede Frau früher oder später beschäftigen wird: War/bin ich meiner Mutter eine gute Tochter? Oder im schlimmsten Fall: Wieso denke ich erst jetzt darüber nach, wo sie tot ist? Ein bewegendes Buch mit unterschiedlichen Aspekten, die man selbst so nicht erlebt haben muss, die aber nachdenken lassen über das eigene Verhältnis zur Mutter.

Natasha Fennell, Róisín Ingle: Club der Töchter,
240 Seiten, Ki-Wi-Verlag, 2016 ,9.99 Euro, ISBN 978-3-462-04873-5

 

Coolman

Coolman und ich. Ab in die Schule!*

sic. Da hat die Jury des Preuschhofpreises tatsächlich ein super Buch auf den 1. Platz gewählt! Die Thematik „Einschulung“ wird hier einfach als Grundlage für eine lustige, anarchische Geschichte über Kinder und Schule genutzt.
Der Ich-Erzähler Kai betritt die neue Institution an der Seite seiner besorgt-aufgeregten Eltern und seines unsichtbaren Kumpels Coolman. Coolman will immer nur Aufmerksamkeit, Spaß und die Bonbons aus Kais Schultüte haben. Die schulischen Abläufe demontiert er nach Herzenslust.
Das macht soviel Spaß, dass auch ErstleserInnen, die ihre Einschulung schon hinter sich haben, das Buch mit Freude lesen können. Auch prima: Sprachlich traut es den ErstleserInnen Einiges zu. Die Sprache ist schlicht und dennoch niveauvoll und niemals gekünstelt kindlich. Auch die Illustrationen sind gelungen. Frech und lebendig, genau hingesehen. Kleine Comic-Elemente sorgen für Bewegung, die Bilder sind bunt, ohne grell zu sein. Die Kombination von Text und Bild ist locker und angenehm anzuschauen.

Rüdiger Bertram/Heribert Schulmeyer: Coolman und ich. Ab in die Schule! Oetinger,
39 Seiten, 7,99 Euro

 

Friedensträume

Traum von Frieden*

pv. Der Junge, der vom Frieden träumte, ist ein Roman, der das Schicksal des jungen Palästinensers Achmed erzählt. Nachdem seine zweijährige Schwester auf einem Minenfeld stirbt und sein Vater unverschuldet inhaftiert wird, kämpft Achmed mit 12 Jahren um das Überleben seiner inzwischen total verarmten Familie. Hochbegabt gewinnt er ein begehrtes Stipendium an einer renommierten jüdischen Universität, studiert, arbeitet unter härtesten Bedingungen und erhält den Nobelpreis für Physik.
Das Schicksal des Protagonisten beginnt ab der ersten Seite und steigert sich bis zur letzten Seite ins Emotionalste. Wie Achmed sein Leben lebt und wie er damit umgeht, ist faszinierend, erschreckend und berührend zugleich. Michelle Cohen Corasanti, Jüdin, Anwältin für Menschen rechte, besuchte die Hebrew University of Jerusalem, wo sie ihren Master in Nahostwissenschaften machte.

Michelle Cohen Corasanti: Der Junge der vom Frieden träumte,
Fischer Verlag 2016, 400 Seiten,
9.99 Euro

 

Teheran

Nachts ist es leise in Teheran*

hk. Es ist die Geschichte einer Familie, die 1979 aus dem Iran flüchten musste und seit über vierzig Jahren in Deutschland lebt. In vier Abschnitten erzählen Vater, Mutter, Tochter und Sohn eine persönliche Episode, die jeweils für ein Jahrzehnt der Entwicklung in Deutschland und im Iran steht. Der Vater Behsad muss als junger kommunistischer Aktivist miterleben, wie nach dem Sturz des Schahs unter dem Chomeini-Regime Verfolg ung und Terror gegen Oppositionelle von Neuem beginnen.
Er flieht mit seiner jungen Frau und Genossin Nahid und seinen beiden kleinen Kindern nach Deutschland. Im zweiten Abschnitt berichtet Nahid zehn Jahre nach der Flucht von ihren Alttagsproblemen. Sie fühlt sich im mer noch unsicher und es fällt ihr schwer, angesichts der Unterdrückung im Iran die Umweltängste ihrer deutschen Freunde ernst zu nehmen.
Im dritten Abschnitt beschreibt die Tochter Laleh einen Besuch im Iran 1999. Sie erkennt die Verwandten kaum wieder, beherrscht die Sprache nicht mehr richtig. Sie fühlt sich wieder angekommen und doch fremd.
Und im vierten Kapitel erzählt ihr Bruder Mo. Er ist 2009 als Student an einer deutschen Uni Teil der Generation Betriebswirtschaft. Manchmal ist er von seinem Studentenleben angeödet, an Demonstrationen gegen hohe Studiengebühren beteiligt er sich eher lustlos. Aber er, der die Daten der iranischen Revolution googeln musste, beginnt sich für die aufkommenden Proteste im Iran nach den gefälschten Wahlen politisch zu interessieren.

Die Autorin Shida Bazyar wurde als Kind iranischer Flüchtlinge 1988 in Rheinland-Pfalz geboren. Ihre eigene Familiengeschichte bildet den Hintergrund. Sie will den Roman aber nicht als Biographie verstanden wissen. Die Figuren sind fiktiv. „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein moderner Auswandererroman. Das Schicksal zweier Generationen macht einmal mehr anschaulich, wie schwer aber auch normal es ist, dass Menschen ihre Heimat verlassen (müssen) und Teil einer anderen Gesellschaft in einem anderen Land werden. Es geht in dem Roman aber auch immer um den Widerstand im Iran. Mit Grundkenntnissen über die jüngere Entwicklung des Landes hat man noch mehr von dem Buch.

Nachts ist es leise in Teheran, Shida Bazyar,
Kiepenheuer und Witsch,
275 Seiten, 19,99 Euro.

 

 

 

 

 

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