23. Jahrgang,
Ausgabe 7
Juli / Aug.
2017
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Verschiedenes

Wann... in Wilhelmsburg ?

Wo... in Wilhelmsburg ?

 

Kultur

„Und das freut ein´ denn ja auch …“
Ballinstadt-Jubiläum
Zum 80. Geburtstag von Hans Ulrich Klose
Gunter Gabriels Protestsong für Wilhelmsburg
Was braucht Wilhelmsburg?
Anleger am Bremer Kai
Komm raus, mach mit!
Neuerdings steht ein Baum von Ai Weiwei im Wälderhaus
Winter- / Sommerlektüre

 

Museum Elbinsel Wilhelmsburg:

Amtshaus

 

„Und das freut ein´ denn ja auch …“
Arnold Risch trifft Friedrich Schnoor (Fiete Lüttenhus) im Museum Elbinsel Wilhelmsburg

Rathjen

Ist selbst ein grandioser plattdeutscher Vortragskünstler:
Schauspieler Claus-Peter Rathjen
. Foto: privat

MEW. ... sagte sich der Schauspieler Claus-Peter Rathjen, als er von Friedrich-Karl Schnoor, Sohn des heute leider in Vergessenheit geratenen, aber zu seiner Zeit sehr bekannten und beliebten Vortragskünstlers Friedrich Schnoor, Künstlername Fiete Lüttenhus, angeschrieben wurde. Schnoors Sohn ist bestrebt, das Werk seines Vaters Friedrich (1879 bis 1966) in Erinnerung zu bringen und wachzuhalten.
Er hatte erfahren, dass Claus-Peter Rathjen sich bereits mit einer Lesung dem leider auch in Vergessenheit geratenen Arnold Risch (1890 bis 1979) gewidmet hat. Rathjens Vorliebe gilt zwar den ernsteren plattdeutschen Themen, doch die beiden außergewöhnlichen Hamburger Schriftsteller, Sänger und Komiker Risch und Schnoor haben es ihm ebenfalls angetan. Außerdem schrieben auch sie durchaus über ernstere Themen.
Von beiden Vortragskünstlern liegt ein umfangreiches und unvergleichliches Werk auf Missingsch und Plattdeutsch, zum Teil auch auf Hochdeutsch, vor. Die Geschichten und Gedichte beider Hamburger Rezitatoren verdienen es, der Öffentlichkeit wieder bekannt gemacht zu werden.

Arnold Rischs Hauptschaffensperiode als Schriftsteller und Vortragskünstler – so nannte er sich selbst - begann in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Schon im Alter von 15 Jahren trat der begabte Junge als Kleinkünstler auf. Doch Rischs Können war nicht „klein“, sondern etwas ganz Besonderes und Großes. In seinem Werk beschrieb er das Leben und Arbeiten der sogenannten kleinen Leute in Hamburg und Umland auf eine wunderbar humorvolle Art.
Er war Mitbegründer des Ohnsorg-Theaters, das damals, 1915, noch Niederdeutsche Bühne hieß. Später kam er auch zur Niederdeutschen Funkbühne, die eine Abteilung der NORAG (Vorläufer des NWDR/ NDR) war.

Friedrich Schnoor kam schon im Elternhaus mit der „plattdeutschen Bewegung“ in Berührung. Besonders Karl Kindermann und Gustav Falke erkannten seine rezitatorische Begabung und seine Liebe zum Plattdeutschen. Beide unterstützten seinen Entschluss, mit Vorträgen und Rezitationen vor Publikum zu treten. Schnoor stand 1910 zum 100. Geburtstag von Fritz Reuter als „Onkel Bräsig“ auf der Bühne. In Amerika löste er 1912 mit seinen Vorträgen große Begeisterung aus. Ein besonderer Glückfall war, dass ihm, vor Antritt seiner Stelle als Bibliothekar auf der „Titanic“, aufgrund starker Zahnschmerzen vom Arzt verboten wurde mitzureisen.
Eine Auswahl aus den Werken von Risch und Schnoor trägt Claus-Peter Rathjen, der mit Altenwerder Platt großgeworden ist, am 15. Juli um 16 Uhr in der Bauernstube des Museums Elbinsel Wilhelmsburg vor. „Und das freut ein´ denn ja auch“: Der Eintritt beträgt 8 Euro/Vorverkauf und 10 Euro/Abendkasse.
Reservierungen unter 040/302 34861.

Museum Elbinsel Wilhelmsburg
Kirchdorfer Straße 163

www.museum-elbinsel-wilhelmsburg.de
www.claus-peter-rathjen.de

 

 

 

 

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Ballinstadt-Jubiläum
Auswanderermuseum erst einmal für weitere zehn Jahre auf der Veddel

Koffer

Sonderausstellung in der Ballinstadt bis zum 3. September 2017:
„Bin Abgereist – Koffergeschichten“.

Foto: MG

MG. Viele glaubten vor zehn Jahren nicht an eine langfristige Perspektive für das Auswanderermuseum auf der Veddel und es sah auch nicht immer gut aus für das Erlebnismuseum, das ohne öffentliche Zuschüsse zum laufenden Betrieb überleben muss. Jetzt sieht es gut aus und im vorigen Jahr wurde der Vertrag mit der Stadt Hamburg für weitere zehn Jahre verlängert.
Seit dem Umbau und der Erweiterung im vorigen Jahr wird in der neuen Hauptausstellung die Ein- und Auswanderergeschichte über vier Epochen hinweg bis zur Gegenwart gezeigt. War Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts ein Land, aus dem Menschen vor der Armut flüchteten, so ist es inzwischen zu einem Hoffnungsland für viele Menschen geworden.
Für Jung und Alt gibt es das multimediale und interaktive Spiel „SIMMIGRANT“, das eine ganz persönliche „Auswanderung“ simuliert.
Das Familienforschungszentrum ermöglicht die Suche nach Familienmitgliedern, die ausgewandert sind. Über 5 Millionen Daten wurden digitalisiert. Einmalig ist, dass diese Daten auch die vorherigen Wohnorte der Auswanderer enthalten, was die Suche erleichtert. Das Familienforschungszentrum ist separat zugänglich und kostenlos nutzbar.

 

 

 

 

 

 

 

 



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Zum 80. Geburtstag von Hans Ulrich Klose
Ein Rückblick aus Wilhelmsburger Sicht

Klose

31. Oktober 2009: Hans-Ulrich Klose demonstriert in 1. Reihe mit den Wilhelmsburgern gegen die „Autobahnisierung“ Wilhelmsburgs.
Foto: Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg

Manuel Humburg. Am 14. Juni hat Hans-Ulrich Klose seinen 80. Geburtstag gefeiert. Er wurde 1937 in Wrozwaw geboren, war von 1974 bis 1981 Hamburger Bürgermeister und von 1983 bis 2013 Bundestagsabgeordneter mit Wohnsitz in Wilhelmsburg.
Klose hat sich vielfältig für Wilhelmsburg engagiert. In seiner Ära wurden Entscheidungen getroffen, ohne die die Entwicklung Wilhelmsburgs zu dem heutigen agilen und attraktiven Ort zum Wohnen, Arbeiten und Leben kaum möglich gewesen wäre. Dazu möchte ich an einige markante Stationen erinnern:

1977: 15 Jahre nach der großen Flut trifft der Senat unter Bürgermeister Klose endlich die Entscheidung, Wilhelmsburg-West nicht der Hafenerweiterung zu opfern, sondern als Wohnstandort zu erhalten und zu entwickeln. Der Weg ist noch weit, doch 15 Jahre Ungewissheit, Abwanderung und Verfall haben ein Ende.

1978 initiiert der Senat unter Klose die „Pilotstudie Wilhelmsburg“, eine Analyse und ein Konzept für ein Maßnahmenpaket zur Stärkung der Wohnqualität und der sozialen Infrastruktur.

1983 beteiligt sich Klose an einer Protestveranstaltung im Gemeindehaus der Emmaus-Kirche: Die Gemeinde, eine örtliche Initiative und die Betriebsratsvorsitzenden der von der Schließung betroffenen Betriebe HDW (Howaldtswerke-Deutsche- Werft) und MAN (Maschinenfabrik) im Hafen hatten Alarm geschlagen. Klose warnt vor der Verarmung des Stadtteils und fordert den Senat zum Handeln auf.

1994 ist der Hamburger Senat unter Henning Voscherau fest entschlossen, Hamburgs dritte Müllverbrennungsanlage (MVA) in Wilhelmsburg (Neuhof) zu bauen. Der Standort gilt als „alternativlos“. Klose hat die Massenproteste auf den Straßen mit Blockaden aller großer Brücken und die klare Ablehnung durch alle örtlichen Gremien und Mandatsträger („wenn der Senat das durchzieht, setzen wir uns gemeinsam mit den Initiativen auf die Köhlbrandbrücke“) lebhaft vor Augen. Seine eindringliche Rede („dies ist ein schwer gebeutelter Stadtteil ...“) auf dem entscheidenden SPD-Parteitag gibt wohl den Ausschlag: Wilhelmsburg als Standort der MVA wird aufgegeben.

2009: Klose beteiligt sich in erster Reihe an der großen Demonstration von 2000 Menschen auf der Wilhelmsburger Reichsstraße und schließt sich als Redner auf der Abschlusskundgebung vor dem Wilhelmsburger Rathaus den Protesten gegen die drohende „Autobahnisierung“ Wilhelmsburgs an.

Im Interesse Wilhelmsburgs kann man nur wünschen: Mögen Hans-Ulrich Kloses Wort und sein Rat noch lange Gehör bei den jetzigen Verantwortlichen finden.

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Gunter Gabriels Protestsong für Wilhelmsburg

Gabriel

2.5.2000: Gunter Gabriel spielt auf der Bühne vor dem Rathaus
den eigens komponierten Autobahnsong.

Foto: M. Humburg

Manuel Humburg. Mitte Juni ist der Countrysänger Gunter Gabriel gestorben. Sein Auftritt auf der großen Anti-Autobahn-Demo am 2. Mai 2000 bleibt unvergessen. Die Demo war der Höhepunkt einer Kampagne gegen die damaligen Pläne einer Autobahn-Hafenquerspange über den Spreehafen.
Gunter Gabriel war damals auf einem Hausboot im Kohlenschiffhafen (der mittlerweile für das Containerterminal Tollerort zugeschüttet wurde) abgetaucht. Wir haben ihn dort ausfindig gemacht, und er war sofort zu einem Auftritt bei der Demo bereit. Auf der Bühne gegenüber dem Wilhelmsburger Rathaus trug er einen eigenen Autobahn-Protestsong vor. (Frage an die LeserInnen des WIR: Hat jemand noch den Text irgendwo abgelegt?)

Die Parole „Zukunftsplan statt Autobahn“ fand mit der Zukunftskonferenz Wilhelmsburg 2001/2002 Gehör. Eine wichtige Forderung damals war: „Umwandlung des Spreehafens zum Naherholungsgebiet“. Nach zehn Spreehafenfesten in zehn Jahren wurde diese Forderung - nach dem Fall des Zollzauns - schließlich umgesetzt. Die Protestparade vom Mai 2000 hatte dafür den entscheidenden Impuls gegeben, und Gunter Gabriel hatte daran einen prominenten Anteil. Dass die Autobahn jetzt im Süden der Elbinsel geplant wird - das haben weder die Demonstranten von damals noch Gunter Gabriel beabsichtigt!

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Was braucht Wilhelmsburg?
Team der Friedenskirche in der Weimarer Straße holt Stimmungsbild ein

Karsten Mohr. Ein Team der Friedenskirche in der Weimarer Straße stellte diese Frage vom 29.6. bis 1.7. den PassantInnen auf dem Stübenplatz und dem Berta-Kröger-Platz. Cirka 220 Antworten wurden auf Zetteln gesammelt und sortiert. Aus den Antworten kristallisierten sich schnell einige Schwerpunkte heraus: Sicherheit und Sauberkeit, Angebote für (kleine) Kinder, mehr Kultur und Begegnung, ein Kino usw. Auch wenn die Befragung nicht repräsentativ ist, bietet sie doch ein Stimmungsbild und Ansätze für nötige Veränderungen.
Pastor Karsten Mohr möchte die Ergebnisse im Stadtteilbeirat, Regionalausschuss und in den kirchlichen Gremien weiter vorantreiben. Aber die Friedenskirche in der Weimarer Straße will sich auch selbst mehr engagieren.

Die Aktion auf dem Stübenplatz und dem Berta-Kröger-Platz war ein gutes Beispiel. Die Umfrage wurde unterstützt durch eine mobile Bühne, auf der gesungen wurde. Eine Hüpfburg war der Anziehungspunkt für Kinder und Familien. Die Wilhelmsburger Tafel hatte einen großen Grill- und Kuchenstand aufgebaut. Zum One-World-Team gehörten MitarbeiterInnen aus fünf Ländern, die sich in mindestens 10 Sprachen verständigen konnten. So wurden viele Flüchtlinge und MigrantInnen in den Dialog einbezogen. Es entstand – für Wilhelmsburg typisch – eine multikulturelle, bunte Atmosphäre mit vielen bewegenden Begegnungen. So brachte ein Flüchtling der frierenden Gruppe auf dem Stübenplatz bei dem Dauerregen am Freitag warmen Tee. Bei einigen Menschen gab es Tränen, bei anderen strahlende
Gesichter, als sie in ihrer Muttersprache angesprochen wurden.
Auf die Frage: „Was braucht Wilhelmsburg?“ antwortete ein Mann spontan: „Brückenbauer“. „Genau das wollen wir mit der Friedenskirche sein“, erwiderte Pastor Mohr. In die InselArche, die zzt. erweitert wird, kommen Kinder aus vielen verschiedenen Ländern. Zu allen Veranstaltungen kommen MigrantInnen und Flüchtlinge. Sie sind ein großer Gewinn für die Gemeinschaft. Der Name „Friedenskirche“ ist Programm.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

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Anleger am Bremer Kai
Neues vom Hafenmuseum

Schahörn

Die Scharhörn kann bald am Bremer Kai im Hansehafen anlegen.
Foto: hk

PM/hk. Am Bremer Kai bei den 50er-Schuppen wird ein Anleger für Traditionsschiffe errichtet. Finanziert wird die 900.000 Euro teure Anlage von der Stadt Hamburg, dem Kooperationsverbund Metropolregion Hamburg, der Stage Entertainment GmbH und der Stiftung Hamburg Maritim, die die Anlage auch baut.
Geplant ist ein aus drei Pontons bestehender, 200 Meter langer Anleger, der mit einer Bogenbrücke mit dem Kai verbunden wird. Er wird eine feste Anlaufstelle für Schiffe wie den Lauenburger Raddampfer Kaiser Wilhelm oder das alte Feuerschiff Elbe 1 aus Cuxhaven. Außerdem wird durch ihn das Hafenmuseum in den 50er-Schuppen für Barkassen
leichter erreichbar. Die Stiftung sieht in der Anlage daher auch einen Hinweis auf die anstehende Standortentscheidung für das geplante große Deutsche Hafenmuseum: Der Nachteil der schweren Erreichbarkeit, bisher ein Hauptargument gegen den Standort am Hansahafen, entfällt nun.

Auch mit dem Großsegler Peking, der zukünftigen Attraktion des neuen Hafenmuseums, geht es voran. Die Peters Werft in Wewelsfleth hat den Zuschlag für die Restaurierung des Windjammers bekommen. Anfang Juli geht die Peking auf dem Dockschiff „Combi Dock 1“ von der Caddell-Werft auf Staten Island auf die Reise nach Europa, durch die Elbe in die Stör nach Wewelsfleth.

 

 

 

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Komm raus, mach mit!
Inselparkkonzerte 2017


Kontakt und mehr Infos:
Katja Scheer, Projektleitung, katja@musikvondenelbinseln.de, Tel. 040/75201714,

www.musikvondenelbinseln.de

Weitere Konzerte:
Sonntag, 11. Juni 2017, 14 Uhr, Kapelle im Inselpark: Outernational Young Orchestra. Konzert in Kooperation mit 48h Wilhelmsburg.
Anschließend Session.

Sonntag, 23. Juli 2017,
18 Uhr, Skatepark: HipHop-Session
mit den Jungs von Ekstase, Open-Mic, Grill & Bar

Sonntag, 13. August 2017, 14 Uhr, Loki-Schmidt-Garten: Lieder aus aller Welt
- Offener Chorgesang mit der syrischen Sängerin Nejla Jedidi und der Wilhelmsburger Sängerin und Chorleiterin Kristina Bischoff

Sonntag, 10. September 2017, 15 Uhr, Freilichtbühne Inselpark: Konzert der Weltkapelle Wilhelmsburg

 

 

 

 

 

 

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Neuerdings steht ein Baum von Ai Weiwei im Wälderhaus

Baum

Bei Ai Weiweis „Tree“ handelt es sich um einen Baum aus der
Sammlung Boros mit einem Durchmesser von ca. fünf Metern.

Foto: Barbara Makowka

PM. Eine Skulptur aus der Reihe „Tree“ des chinesischen Künstlers und Dissidenten, der zurzeit in Deutschland im Exil lebt, ziert seit Anfang April die Eingangshalle des Wälderhauses.
Ai Weiwei hat in seinem Werk unter Verwendung der traditionellen chinesischen Handwerkskunst eine einzigartige künstlerische Handschrift entwickelt, die als Referenz an das kulturelle Erbe seines Heimatlands zu verstehen ist. Mit „Tree“ schuf Ai Weiwei im Jahr 2009 eine Serie großformatiger Baumskulpturen, die aus abgestorbenen Holzstämmen aus den Bergregionen im Süden Chinas bestehen.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

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Winter- / Sommerlektüre

 

Rückkehr nach Reims von Didier Eribon

Klaus-D Müller. In Frankreich stehen die Präsidentschaftswahlen an und Marine Le Pen könnte Präsidentin werden. Als Europäer interessiere ich mich für den mir nicht sehr bekannten Nachbarn Frankreich. Ausgiebige Informationen bietet dazu die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb). Bei dem Versuch die Besonderheiten zu verstehen wird auf
einen Roman verwiesen. Die bpb bietet das Buch auch direkt zum Kauf an.
Der Soziologe Didier Eribon verließ seine Heimat in der Champagne als sehr junger Mann. Der Sohn einer Arbeiterfamilie wurde in Paris zum bekannten Intellektuellen und grenzte sich bewusst von seinem Herkunftsmilieu ab - verleugnete es im Bemühen um soziale Anerkennung sogar. Jahrzehnte später kehrt er in seine Heimatstadt Reims zurück. Dies nimmt er zum Anlass für eine autobiografische Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte, die er mit einer soziologischen Analyse seines Herk unftsmilieus verknüpft.
Eine seiner dringlichsten Fragen: War um wenden sich Schichten, die traditionell Wähler linker Parteien und Unterstützer linker Politik waren, nun in großer Anzahl rechtsextremen Kräften wie dem „Front National“ zu? Zwar waren, wie Eribon auch an seiner eigenen Biografie veranschaulicht, Homophobie, Fremdenhass und verfestigte Einstellungen in der Arbeiterschicht und darüber hinaus immer schon latent vorhanden, doch sie dr ückten sich bisher nicht in starkem Zuspruch zu rechtsextremen Kräften aus. Eribon erklärt diesen Umschwung unter anderem mit Klassenunterschieden, veränderten ökonomischen Bedingungen und Versäumnissen linker Politik.
So erlangt seine Gesellschaftsanalyse auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus Gültigkeit. Und richtig: man bekommt eine Vorstellung vom System der schulischen Bildung und warum es nur theoretisch „allen freien Bürgern“ die bestmöglichen Bildungschancen bietet. Also empfohlen für das Bildungssystem und die Klassenunterschiede in Frankreich. Wir erinnern uns an die Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung
ISBN 978-3-7425-0005-2, 4,50€

www.bpb.de

 

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

Buch

MG. Johann Anders, nach zahlreichen Knastaufenthalten nur noch Mörder Anders genannt gründet zusammen mit der Pfarrerin Johanna Kjellberg und dem Hotel-Rezeptionisten Per Persson die „Körperverletzungsagentur“. Die Nachfrage läuft blendend, aber irgendwann fragt Mörder Anders nach dem Sinn des Ganzen und kommt mit Jesus ins Gespräch. Das führt zu einer neuen Geschäftsidee.
Das erste Buch Jonas Jonassons „Der Hunderjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ wurde zum Weltbestseller und auch verfilmt. Nach dem zweiten Roman „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ setzt der Autor nun mit seinem dritten Roman seine Geschäftsidee, skurrile Menschen in skurrilen Sit uationen zu beschreiben, fort.
Es entstand eine nette Geschichte, eine witzige Urlaubslektüre, die aber – wie leider so oft bei Serien – nicht mehr den Pep des „Hundertjährigen“ hat.

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind
Jonas Jonasson – ISBN 978 -3-570 - 58563-7

 

 

Wörter an die Macht

Buch

hk. Vor fünf Jahren erschien schon einmal ein kleines Buch „Wörter an die Macht“. Damals war es das Endprodukt eines Geschichtenseminars mit SchülerInnen von den Elbinseln.
Initiiert vom „Förder werk Elbinseln e.V.“. Das neue Projekt „Wörter an die Macht 2014“ wandte sich an Menschen unterschiedlichen Alters. „Die jüngste Teilnehmerin war 16, der älteste 75 Jahre alt,“ schreiben die Projektleiter Jörg Ehrnsberger und Thorsten Stegemann im Vorwort des Buches. Es gab SchreibanfängerInnen und Profis, geborene und zugezogene WilhelmsburgerInnen. Eine Asylbewerberin musste nach der Hälfte des Projekts ausreisen. Herausgekommen ist eine Sammlung ganz unterschiedlicher Texte vom nüchter nen Bericht über den Nachteinsatz eines Deichwarts bis zur feinen Kurzstory über ein Mädchen, das nicht nein sagen konnte. Es gibt Lustiges: eine Frau von der Bauaufsicht fällt in der Soul-Kitchen-Halle von der Leiter; auf einem Hinterhof spielen die Kinder Zirkus Krone.

Und es gibt Anrührendes: Eine alte Türkin, die so sehr den Garten in ihrem Dorf vermisst, findet per Zufall den interkulturellen Garten. Es gibt Geschichten über Konflikte mit und ohne Happyend, und natürlich gehört eine (Fast-) Kneipenschägerei auch dazu. Die Herausgeber laden die Leser von außerhalb dazu ein, mit dem Buch einen neuen Blick auf die – exotischen – Elbinseln zu entwickeln. Man kann „Wörter an die Macht“ aber auch einfach als gute Geschichten aus dem ganz normalen Leben lesen.

Wörter an die Macht, Hg. Edmund Siemers und Michael Seufert,
Förderwerk Elbinseln e.V.
148 Seiten, 13,50 Euro

 

Neues Buch über Wilhelmsburger Straßen
Überblick, Geschichte und viele Bilder auf 60 Seiten

Reichsstrasse

Die Wilhelmsburger Reichsstraße im Jahr 1952.
Foto: ein

PM. Jugendstilgiebel, stuckverzierte Fassaden, in den Eingängen farbige Kacheln mit maritimen Motiven: Das ist die Fährstraße im Wilhelmsburger Nordwesten - plötzlich durchschnitten von einem Deich. Wie kam das? Geschichte liegt auf der Straße! Man muss sie nur aufheben. Auf den Elbinseln Wilhelmsburg und der Veddel sind es ungeheuer viele Geschichten. Das unterscheidet sie von fast allen Hamburger Stadtteilen.

Das Kuriose: Kaum zu glauben, Passierzettel soll eine Straße sein? Aber es stimmt. Dahinter steht eine fast vergessene Geschichte das Hamburger Hafens: Passierzettel heißt eine kleine Straße auf der Veddel - ein Hinweis auf die direkte Nachbarschaft zum Freihafen, den man nur mit dem besagten Papier betreten durfte.

Das Geläufige: Überall findet man Straßen, die an bedeutende Persönlichkeiten erinnern. Gängig als Namensgeber sind die Vorbesitzer des Geländes, die mit Land- und Grundbesitz Geschichte schrieben. Wie zum Beispiel Georg Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, dem nicht nur die Insel, sondern auch eine der Hauptstraßen ihren Namen verdankt.

Das Neue: Wilhelmsburg verändert sich, neue Straßen erzählen neue Geschichten. Etwa die von Dursun Akçam: Nach ihm ist seit 2015 ein Uferweg am Veringkanal benannt. Der türkische Schriftsteller wirkte in Wilhelmsburg lange für das Verständnis zwischen Einheimischen und Migranten.

Geschichte der Inseln erkunden:
Ungewöhnlich viele Straßennamen hier erzählen über frühere Landschaftsformen im
Grenzgebiet zwischen Fluss und Land: Der Name Pollhornbogen zum Beispiel im südwestlichen Gewerbegebiet Wilhelmsburgs geht zurück auf ‚Pullhorn‘: früheres Außengelände vor dem grünen Deich. Horn: Winkel, Ecke. Pull bedeutet Spitze. Pullhorn ist also vielleicht die spitze Ecke einer früheren Insel oder Halbinsel gewesen.

Das Alte: verschwindet. Die Wilhelmsburger Reichsstraße wird würdig verabschiedet…

Auf 60 Seiten bietet das kleine Buch einen aktuellen Überblick über alle Straßen Wilhelmsburgs und der Veddel und ihre Geschichte, reich bebildert mit 100 Fotos aus über 100 Jahren Stadtteilgeschichte. Herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen, 60 Seiten, 6 Euro.

Erhältlich in der Buchhandlung Lüdemann, im Museum Elbinsel Wilhelmsburg und natürlich in der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg, HONIGFABRIK, Industriestr. 125-131, Tel. 040 42 10 39 15,
www.geschichtswerkstatt-wilhelmsburg.de. Mail: markertm@honigfabrik. de

Buch

 

 

Buchrezension: Der verschollene Schlüssel
Eine realistische und erschütternde Migrantengeschichte

Buch

hk. Auf den ersten Blick ist „Der verschollene Schlüssel“ ein Krimi. In Lüneburg wird ein junger Afrikaner mit schweren Stichverletzungen aufgefunden. Ein Kripobeamter muss ihn im Krankenhaus befragen, um die Täter – offenbar Landsleute – ausfindig zu machen. Der junge Mann, Addae, erzählt ihm dann aber die ganze Geschichte von Anfang an. Und so ist das Buch neben dieser kleinen Rahmenhandlung im Kern – und auch vom Umfang – die Geschichte von Addaes langer und gefahrvoller Reise von seiner ghanaischen Heimatstadt Yendi bis ins „Schlaraffenland“ Deutschland, wo er schließlich zufällig in Lüneburg landet.
Es ist die Geschichte von der Abenteuerlust junger Männer und der Hoffnung auf ein besseres Leben, von Banden und Wegelagerern in der Wüste und von afrikanischen Sklavenhaltern. Von verbrecherischen Schleppern, die für den Tod von tausenden von Flüchtlingen verantwortlich sind.
Der Autor Karsten Hoff ist im Hauptberuf Kommissar auf der Wilhelmsburger Revierwache 44. Hintergrund seiner Geschichten sind wahre Begebenheiten aus seinem Berufsalltag. In seinem ersten Roman „Glück oder Seligkeit“ war es der Einsatz gegen einen Obdachlosen, der in eine Laube eingebrochen war (siehe auch WIR 4/2012).
Im vorliegenden Buch war es ein versuchter Totschlag an einem jungen Migranten in Wilhelmsburg, ein Racheakt einer nordafrikanischen Gang, aus der der junge Mann aussteigen wollte. Im Buch wurde der Fall nach Lüneburg verlegt.

Auf der Grundlage seiner eigenen Erlebnisse und seiner Recherchen erzählt Karsten Hoff eine realistische und erschütternde Migrantengeschichte. Er malt nichts schön. Die jungen Männer sind keine unschuldigen Sympathieträger. Die Gang, aus der Addae aussteigen wollte, ist wegen Raub und Körperverletzung revierbekannt. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Ursachen der Flucht die elenden Zustände in Afrika sind und die – vergeblichen – Hoffnungen der Menschen. Und dass wir es sind, denen es im Verhältnis gut geht.
Ein Schlüsselerlebnis während der Arbeit am Buch, so Karsten Hoff, waren die „Fragen an besorgte Bürger“ des DGB-Bayern. Er stellt sie als Anhang an den Schluss des Buches. Die ersten drei Fragen lauten: Haben Sie eine Wohnung? Haben Sie ausreichend zu essen? Schlafen Sie im eigenen Bett?

Karsten Hoff: Der verschollene Schlüssel; Eine Reise ohne Rückkehr,
Verlag BoD Norderstedt 2016, 230 Seiten, 8,50 Euro.

 

 

 

*Die Hyäne von Hamburg

Hyäne-Buch


pv. Zwei Tote, acht Schüsse, sechs Projektile. Eine verletzte Zeugin, die mehr gesehen zu haben scheint als sie sagt. Ein myster iöser Kriminalfall für Kommissar Kastrup und seine Kollegen von der Hamburger Kripo: Die „Hyäne“ tötet dem Tod geweihte Junkies, um ihre Identitäten weiterzuverkaufen.
Ein Thriller, der durchaus glaubwürdig in Szene gesetzt ist. In Industriebrachen und Parks, unter anderem in Wilhelmsburg, verankert der Autor seinen Thriller mit präziser Ortskenntnis. Auffällig an diesem Roman ist, dass die eigentliche Handlung in eine Vielfalt von Nebenszenen eingebettet ist. Der Autor thematisiert in diesen Nebenszenen die heimische Bevölkerung, deren politische Situation aber auch persönliche Schicksale.
Immer wieder tauchen Spuren und Verdächtige auf, verschwinden wieder und lassen den Thriller unfertig wirken. Ehlers gelingt es dennoch, den Leser ständig durch einen sachlichen Erzählstil, kombiniert mit Dialogen, in seinen Bann zu ziehen. Er überrascht immer wieder mit neuen Wendungen .
Ein durchaus spannender und unterhaltsamer Krimi.

Die Hyäne von Hamburg,
Jürgen Ehlers,
KBV Verlag, 287 Seiten,
10,95 Euro.

 

 

Mädchenmeute

hk. Erstmal ist „Mädchenmeute“ ein spannendes Jugendbuch. Sieben Mädchen lernen sich kennen als Teilnehmer innen eines Survival-Feriencamps in einem ehemaligen DDR-Pionierlager. Schon am ersten Tag passieren merkwürdige Dinge. Irgendjemand sperrt sie ein, die durchgeknallte Camp-Organisatorin macht sich aus dem Staub. Die Mädchen beschließen, abzuhauen und die zwei Ferienwochen im Erzgebirge zu verbringen. Dort kennt eins der Mädchen, Anuschka, einen verlassenen Bergwerkstunnel, den ihr ihr Großvater einmal gezeigt hat. Auf dem Weg dorthin klauen sie noch ein Hundefängerauto im guten Glauben, die Hunde vor dem sicheren Tod zu retten.
Es folgen zwei Wochen voller Abenteuer, Freiheit, Streitereien und Freundschaft und kleinen Tragödien. Zum glücklichen Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, ein Mädchen muss ins Krankenhaus, sie entdecken, wer die ganze Zeit hinter ihnen her spioniert hat, und kommen nebenbei in dem Tunnel dem finsteren Geheimnis des besagten Großvaters auf die Spur.
Die sieben Mädchen sind dabei eine bunte Truppe von ganz unterschiedlichen Charakteren. Vom 12-jährigen Küken Antonia bis zur Ältesten, Anuschka, die zur Not glaubhaft eine Junglehrerin mimt. Von der Anführerin, der rebellischen Bea, die im Stehen vom Dach pinkelt – „Mädchen können alles“ – bis zur schüchternen Ich-Erzählerin Charly, die im Lauf der zwei Wochen immer mutiger wird.
Und man merkt der Schilder ung an, wie sympathisch die Figuren und ihr Abenteuer der Autorin Kirsten Fuchs sind.
Was dieses Jugendbuch besonders macht, ist der Stil. Kirsten Fuchs ist prominentes Mitglied der Berliner Lesebühnenszene und eine preisgekrönte Satirikerin. Sie schreibt in einer oft schnodderigen Alltagssprache, voller Witz und mit umwerfend komischen Bildern. An einer Stelle sagt die schüchter ne Charlotte: „Ich spuckte auf den Boden. Nie würde ich mir das wieder nehmen lassen. Ich war dürr – na und? Ich war langsam ¬ leck mich! Meine Nase sah aus wie der Griff einer Gießkanne – JAWOLL! So sieht sie aus, diese Nase. Ich habe keine andere.“
Das Buch eignet sich also auch prima zum Vorlesen. Und im nächsten Jahr wird es verfilmt.

Mädchenmeute, Kirsten Fuchs,
Rowohlt Taschenbuch Verlag,
463 Seiten, 9,99 Euro

 

Käsebier erobert den Kurfürstendamm


sic. Dieses Buch hören Sie beim Lesen. Großstadtlärm, Stille in den Seitenstraßen, den schwungvoll-ungehobelten Gesang des Varietésängers Käsebier, Schritte, Schreibmaschinen, Stimmen ... Und Sie sehen sie vor sich, die unterschiedlichen Menschen: die unglücklich verliebte Redaktionssekretärin, den Untermieter, den Baulöwen, den Bankier und seine Gattin. Sie sehen auch Schreibtische mit mehr oder weniger wichtigen Männern dahinter, den Setzer in seiner Setzerei, armselige Zimmer und prächtige Wohnungen, das billige Varieté und das noble.
Die wiederentdeckte Geschichte vom medial hochgejubelten Sänger Käsebier und allen, die an diesem zweifelhaften Ruhm partizipieren möchten, spielt im Berlin am Ende der Weimarer Zeit. Die Themen der rasanten Geschichte sind aktueller denn je: Es geht um die Definition von „Kunst“, um Prominenz, Stars und Sternchen und um einen mittelmäßigen Unterhalter, der zum Künstler hochgehypt wird. Es geht um den Verlust von Qualitätsjournalismus zugunsten von Wirtschaf tlichkeit, um Wohnungsnot und Wohnungsbau, Abstiegsängste, Verarmung und abgehobene Superreiche.
Das Ganze ist höchst witzig und intelligent erzählt. Die Autorin Gabriele Tergit war Journalistin in Berlin und Deutschlands erste Gerichtsreporterin. Sie schreibt im Reportageton, schnell, farbig, direkt, erweckt mit wenigen Worten ganze Szenerien und Milieus zum Leben. Zwischendrin findet sie fast lyrische Bilder, erinnert darin an ihre Zeitgenossin Mascha Kaléko. Den Grundton bildet eine feine, ironische Distanz.
Grandios sind auch die Dialoge. Über weite Strecken benötigt die Autorin überhaupt keine näheren Beschreibungen des Sprechens, es heißt einfach nur „sagte Margot“ oder „fragte Oberndorfer“, oft noch nicht einmal das. Denn die wörtliche Rede hat bei Gabriele Tergit alles schon in sich, sie charakterisiert die Personen, lebendig und individuell, und den Ton ihrer Unterhaltung.
Allein wegen der wundervollen Sprache, macht es Riesenspaß, dieses Buch zu lesen. Doch auch alle, die einfach nur gute Geschichten wollen, kommen auf ihre Kosten. Denn man wird mitgerissen wie die Figuren selbst, wander durch die unterschiedlichen Großstadtmilieus und bekommt en passant auch eine ganze Menge mit über das Ende der Weimarer Republik.
Als der Roman 1931 herauskam, war er ein großer Erfolg. Gabriele Tergit emigrierte 1933 nach Palästina, zog 1983 nach London, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 lebte.

Käsebier erobert den Kurfürstendamm,
Gabriele Tergit,
Schöffling & Co., 398 Seiten, 24,95 Euro

 

*Die Vollpfostenmasche

Vollpfostenmasche


MG. Torsten Hantsch, Verwaltungsangestellter, gesetzestreu und bis vor kurzem mit seiner strengen Mutter zusammen lebend, findet zum Ende seines Jahresurlaubs auf Amrum beim Strandspaziergang einen Feuerlöscher. Er würde ihn gern behalten, will aber vorher wissen, ob er noch in Ordnung ist.
Dazu sucht er den Wartungsdienstmitarbeiter Petter Jensen auf, der sofort erkennt, dass der Löscher kein Löschpulver, sondern kleine weiße Päckchen mit Koks enthält.
Hantsch will sofort zur Polizei aber es kommt immer was dazwischen und schließlich lässt er sich von Jensen überreden, das Rauschgift zu verkaufen. Petter braucht Geld und Hantsch sieht sich schon im Besitz eines alten Opel Diplomats.
Die ganzen Verwicklungen, in die die beiden geraten, sind überraschend und spannend. Wie das ungleiche Duo die brenzlichen Situationen meistert ist ein großer Lesespaß.

Die Vollpfostenmasche,
Ria Klug,
ISBN 978-3-89425 - 451-3,
9,99 Euro

 

 

Buch

Club der Töchter*
pv. Natasha Fennells Mutter kommt schwer erkrankt ins Krankenhaus. Natasha fragt sich, ob sie ihr wohl eine gute Tochter ist. Was möchte sie noch mit ihr unternehmen, ihr sagen oder sie fragen? Ihre Gedanken for muliert sie in einer Kolumne, auf die sie zahlreiche Resonanzen unterschiedlichster Frauen bekommt.
Gemeinsam mit Róisín Ingle gründet Fennells mit neun Frauen den Club der Töchter. Aus diesen Gesprächen entsteht ein Buch, in dem die Frauen über von ihren persönlichen Geschichten und Beziehungen zu ihren Müttern erzählen. Dabei wird schnell klar: Jede von ihnen möchte etwas verbessern, der Mutter Zeit oder Aufmerksamkeit schenken oder Dankbarkeit aussprechen.
Dieses Buch erhält durch die persönlichen Geschichten und Kommentare der Autorinnen einen Sachbuchcharakter. Doch es ist kein Ratgeber mit konkreten Vorschlägen, sondern ein eher individuelles Stimmungsbild jeder der Frauen und ihres Mutter-Tochter-Verhältnisses.
Man liest die Berichte und ist zum Teil erfreut, erschrocken, traurig und tief berührt. „Club der Töchter“ behandelt ein Thema, über das sich vielleicht die meisten Frauen wenig Gedanken machen, das aber fast jede Frau früher oder später beschäftigen wird: War/bin ich meiner Mutter eine gute Tochter? Oder im schlimmsten Fall: Wieso denke ich erst jetzt darüber nach, wo sie tot ist? Ein bewegendes Buch mit unterschiedlichen Aspekten, die man selbst so nicht erlebt haben muss, die aber nachdenken lassen über das eigene Verhältnis zur Mutter.

Natasha Fennell, Róisín Ingle: Club der Töchter,
240 Seiten, Ki-Wi-Verlag, 2016 ,9.99 Euro, ISBN 978-3-462-04873-5

 

Coolman

Coolman und ich. Ab in die Schule!*

sic. Da hat die Jury des Preuschhofpreises tatsächlich ein super Buch auf den 1. Platz gewählt! Die Thematik „Einschulung“ wird hier einfach als Grundlage für eine lustige, anarchische Geschichte über Kinder und Schule genutzt.
Der Ich-Erzähler Kai betritt die neue Institution an der Seite seiner besorgt-aufgeregten Eltern und seines unsichtbaren Kumpels Coolman. Coolman will immer nur Aufmerksamkeit, Spaß und die Bonbons aus Kais Schultüte haben. Die schulischen Abläufe demontiert er nach Herzenslust.
Das macht soviel Spaß, dass auch ErstleserInnen, die ihre Einschulung schon hinter sich haben, das Buch mit Freude lesen können. Auch prima: Sprachlich traut es den ErstleserInnen Einiges zu. Die Sprache ist schlicht und dennoch niveauvoll und niemals gekünstelt kindlich. Auch die Illustrationen sind gelungen. Frech und lebendig, genau hingesehen. Kleine Comic-Elemente sorgen für Bewegung, die Bilder sind bunt, ohne grell zu sein. Die Kombination von Text und Bild ist locker und angenehm anzuschauen.

Rüdiger Bertram/Heribert Schulmeyer: Coolman und ich. Ab in die Schule! Oetinger,
39 Seiten, 7,99 Euro

 

Friedensträume

Traum von Frieden*

pv. Der Junge, der vom Frieden träumte, ist ein Roman, der das Schicksal des jungen Palästinensers Achmed erzählt. Nachdem seine zweijährige Schwester auf einem Minenfeld stirbt und sein Vater unverschuldet inhaftiert wird, kämpft Achmed mit 12 Jahren um das Überleben seiner inzwischen total verarmten Familie. Hochbegabt gewinnt er ein begehrtes Stipendium an einer renommierten jüdischen Universität, studiert, arbeitet unter härtesten Bedingungen und erhält den Nobelpreis für Physik.
Das Schicksal des Protagonisten beginnt ab der ersten Seite und steigert sich bis zur letzten Seite ins Emotionalste. Wie Achmed sein Leben lebt und wie er damit umgeht, ist faszinierend, erschreckend und berührend zugleich. Michelle Cohen Corasanti, Jüdin, Anwältin für Menschen rechte, besuchte die Hebrew University of Jerusalem, wo sie ihren Master in Nahostwissenschaften machte.

Michelle Cohen Corasanti: Der Junge der vom Frieden träumte,
Fischer Verlag 2016, 400 Seiten,
9.99 Euro

 

Teheran

Nachts ist es leise in Teheran*

hk. Es ist die Geschichte einer Familie, die 1979 aus dem Iran flüchten musste und seit über vierzig Jahren in Deutschland lebt. In vier Abschnitten erzählen Vater, Mutter, Tochter und Sohn eine persönliche Episode, die jeweils für ein Jahrzehnt der Entwicklung in Deutschland und im Iran steht. Der Vater Behsad muss als junger kommunistischer Aktivist miterleben, wie nach dem Sturz des Schahs unter dem Chomeini-Regime Verfolg ung und Terror gegen Oppositionelle von Neuem beginnen.
Er flieht mit seiner jungen Frau und Genossin Nahid und seinen beiden kleinen Kindern nach Deutschland. Im zweiten Abschnitt berichtet Nahid zehn Jahre nach der Flucht von ihren Alttagsproblemen. Sie fühlt sich im mer noch unsicher und es fällt ihr schwer, angesichts der Unterdrückung im Iran die Umweltängste ihrer deutschen Freunde ernst zu nehmen.
Im dritten Abschnitt beschreibt die Tochter Laleh einen Besuch im Iran 1999. Sie erkennt die Verwandten kaum wieder, beherrscht die Sprache nicht mehr richtig. Sie fühlt sich wieder angekommen und doch fremd.
Und im vierten Kapitel erzählt ihr Bruder Mo. Er ist 2009 als Student an einer deutschen Uni Teil der Generation Betriebswirtschaft. Manchmal ist er von seinem Studentenleben angeödet, an Demonstrationen gegen hohe Studiengebühren beteiligt er sich eher lustlos. Aber er, der die Daten der iranischen Revolution googeln musste, beginnt sich für die aufkommenden Proteste im Iran nach den gefälschten Wahlen politisch zu interessieren.

Die Autorin Shida Bazyar wurde als Kind iranischer Flüchtlinge 1988 in Rheinland-Pfalz geboren. Ihre eigene Familiengeschichte bildet den Hintergrund. Sie will den Roman aber nicht als Biographie verstanden wissen. Die Figuren sind fiktiv. „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein moderner Auswandererroman. Das Schicksal zweier Generationen macht einmal mehr anschaulich, wie schwer aber auch normal es ist, dass Menschen ihre Heimat verlassen (müssen) und Teil einer anderen Gesellschaft in einem anderen Land werden. Es geht in dem Roman aber auch immer um den Widerstand im Iran. Mit Grundkenntnissen über die jüngere Entwicklung des Landes hat man noch mehr von dem Buch.

Nachts ist es leise in Teheran, Shida Bazyar,
Kiepenheuer und Witsch,
275 Seiten, 19,99 Euro.

 

 

 

 

 

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