23. Jahrgang,
Ausgabe 9
Sep. / Okt.
2017
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Süd-Kurier

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Wann... in Wilhelmsburg ?

Wo... in Wilhelmsburg ?

 

Kultur

Kino-Wochenende am Hafenmuseum
Konzert in Kirchdorf
Im September werden die Zinnwerke zum Schau.Spiel.Platz
Malen und Zeichnen im Bürgerhaus
Was braucht Wilhelmsburg?
Ballinstadt-Jubiläum
MS Dockville bleibt bis 2022 in Wilhelmsburg
Neuerdings steht ein Baum von Ai Weiwei im Wälderhaus
Winter- / Sommerlektüre


Kino-Wochenende am Hafenmuseum
Einmal Open-Air-Kino und einmal ein Stummfilm mit Live-Musik: Am 22. und 23. September 2017
wird das Hafenmuseum zum Kino

Mad Max

Eine Szene aus dem Film „Mad Max - Fury Road“.
Foto: ein

PM. Am Freitag, 22. September um 20.30 Uhr präsentieren die Insel-Lichtspiele die mit sechs Oscars ausgezeichnete Postapokalypse „Mad Max: Fury Road“ (US/AU/ NA 2015, Regie: George Miller, 120 Min.) draußen vor toller Hafenkulisse. Im vierten Teil der Filmreihe trifft Einzelkämpfer Max (Tom Hardy) auf die Kampfamazone Furiosa (Charlize Theron), die den Tankzug mit dem Harem des grausamen Tyrannen Immortan Joe in Richtung des Grünen Landes steuert, verfolgt von einer Horde unerbittlicher Krieger. In einem visuell einzigartigen Spektakel entfaltet sich vor den Totalen der Wüste eine Choreografie aus aufsehenerregenden Stunts und bombastischen Bildtableaus. „Ein herrlich anachronistischer Fiebertraum in Rostrot und Stahlblau, eine verschwitzte, verdreckte Ode an das Kino als Erlebnisraum, ein Rücksturz in eine Ära der vielleicht visionären, vielleicht verrückten Fantasten“ urteilte „Die Presse“.
Einlass ab 19:30 Uhr, bei Unwetter wird der Film drinnen gezeigt.
Eintritt: 6 € / ermäßigt 4 €.

Zeitsprung: Am Sonnabend, 23. September um 20:00 Uhr führt uns der Stummfilm „Brüder“ (DE 1929, Regie: Werner Hochbaum, 84 Min.) mit Live-Musik von Krischa Weber (Cello) und Hans-Christoph Hartmann (Saxophon) in die Zeit des Hamburger Hafenarbeiterstreiks von 1896/97. Erzählt wird die Geschichte eines engagierten Schauermanns und die Zwangsumsiedlung von Hafenarbeiterfamilien aus dem Freihafen nach Billwerder, Hammerbrook, Rothenburgsort und Barmbek. Zur täglichen Arbeitszeit von 14 bis 16 Stunden kommt der nun noch längere tägliche Fußweg. Die Ablehnung von höheren Löhnen führt am 4. Dezember 1896 zum Aufstand von 16.500 Arbeitern. Die Musik unterstützt nicht nur die besondere Atmosphäre des Films, sondern ist auch im Stande, Bewegungen zu illustrieren, zu kommentieren, Emotionen darzustellen und Ausrufezeichen zu setzen - eine jazzige Filmmusik, die die Gradwanderung wagt, ihre Sicht der Dinge auf der Leinwand in Musik zu fassen.
Einlass ab 18 Uhr: Es besteht die Möglichkeit, sich vor dem Filmkonzert die Sammlung des Museums anzusehen.
Eintritt 10 Euro/ermäßigt 8 Euro.

Hafenmuseum Hamburg, Australiastraße, 20457 Hamburg.
Weitere Infos unter www.insel-lichtspiele.de

 

 

 

 

 

 

 

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Konzert in Kirchdorf

S. Leung

Der Pianist Johannes S. Leung
Foto: ein

PM. Am Sonnabend, den 30. September 2017 ab 17 Uhr in der Kirchdorfer Kirche in der Kirchdorfer Straße 170 in Hamburg-Wilhelmsburg, können Sie unter anderem die Musik von Franz Schubert „in einem neuen Gewand“ mit E-Piano, Gesang und Fagott hören. Ebenso ungewöhnlich ist die Beethoven-Darbietung der Chorphantasie für E-Piano und Chor sowie die eines Satzes aus einer Cellosonate mit E-Piano und Fagott. Des Weiteren erklingen Lieder von Wagner und Mascagni sowie ein Klavierkonzert (Rhapsodie in Blue) von Gershwin in einer Version des Pianisten für E-Piano solo.

Zum Abschluss erklingt die Jazzmesse von Bob Chillcott (2006). Die freischaffende Sängerin aus Hamburg Helga Samson ist
eine gefragte Lied- und Opernsängerin, die auch außerhalb Deutschlands konzertiert. Das Fagott spielt Prof. Dr. Carsten Elsner. Der Pianist Johannes S. Leung, in Malaysia geboren, aber schon lange in Deutschland (Hamburg-Wilhelmsburg) lebend, ist internationaler Preisträger, konzertierte mit verschiedenen Orchestern wie z.B. mit dem „Orchestre Concours International Jean Sebastien Bach à Paris” und mit dem Westfälischen Wilhelms-Universitätsorchester in Münster”. Ferner hat er bereits 3 CDs produziert.

Der Eintritt ist frei; um eine Spende wird am Ausgang gebeten.

 

 

 

 

 

 

 



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Im September werden die Zinnwerke zum Schau.Spiel.Platz
Martha Starke und Beate Karpfenberger entwickeln begehbare Installation für alle

Beate + Martha

.....Martha (r.) und Beate bauen ihren Schau.Spiel.Platz.
Foto: ein

PM. Im September werden die Wilhelmsburger Zinnwerke zur Plattform für Kunst, Musik, Diskussionen, Lesungen, Workshops, Genuss, Sport und mehr. Auf diesem Schau.Spiel.Platz. tobt sich Hamburgs Kulturszene aus – und jeder kann mitmachen.
Sie haben einen Ort zum Spielen gesucht und ihn in den Wilhelmsburger Zinnwerken gefunden. Gemeinsam entwickelten Martha Starke und Beate Kapfenberger als Kommunikationsdesignteam „morgen.“ die begehbare Installation Schau.Spiel.Platz:
Ausgediente Gerüste, die zuvor auf einer Werft im Harburger Binnenhafen standen, werden zur Bühne, Tribüne, Entspannungszone oder Kocharena. So wird der Schau.Spiel.Platz. Zinnwerke zugänglich für alle. Nachdem monatelang die Sägen glühten und Metallspäne flogen, weihen die Freundinnen ihre mobilen Gerüstskulpturen am 1. September in und um die Wilhelmsburger Zinnwerke ein - umrahmt von einem vielseitigen Programm.

Das Eröffnungswochenende
Ab Freitag, den 01. September, sind die Wilhelmsburger Zinnwerke drei Tage lang wach. Bei der Eröffnungsfeier locken neben vielen anderen Highlights vor allem der bekannte Hamburger DJ Sven Kacirek und das Fit Orchester über die Elbe. Am 2. September geht es weiter mit Kanal&Liebe, dem heiß vermissten Sommerfest der Wilhelmsburger Zinnwerke. Das Viertel und alle Gäste feiern ihren Kulturkanal mit Workshops, Beschallung durch DJ-Kollektive, Kinderbelustigung und Bierverköstigung. Wer nach diesem Schau.
Spiel.Fest noch immer keine Lust hat, auszuruhen, liefert sich am 3. September eine schöne Schnäppchenschlägerei beim FlohZinn, dem Kulturflohmarkt in den Wilhelmsburger Zinnwerken.

Mode.Spiel.Platz.
Vom 8. bis zum 10. September sind faire Mode und Nachhaltigket die Top-Themen. Die Second-Hand-Spezialisten von „VinoKilo“ sind im Haus und verkaufen Vintagekleidung zum Kilopreis. Das stoffliche Rahmenfutter wird kuratiert durch die Macher des Fair-Fashion-Bloggazines „kunstkinder“.

Genuss.Spiel.Platz.

Immer der Nase nach: Ein köstlicher Duft liegt vom 22. bis 23. September über der Elbinsel und ruft die Foodies der Stadt an den gedeckten Tisch. Die experimentelle kulinarische Plattform „COOK UP“ verköstigt zwei Tage lang den Schau.Spiel.Platz:
In Foodtrucks, Showküchen und an Speisetafeln stapeln sich die Salatblätter in die Höhe und das Frittierfett wird niemals kalt. Von Junkfood bis zum feinen Gaumenstreichler reicht das Angebot der Gerüstearena.

Schau.Kino.Platz.

September heißt nicht nur Sonnabend und Sonntag. Auch unter der Woche wird in und um die Wilhelmsburger Zinnwerke gespielt. Vom 07. bis zum 17. September flimmert beim Open-Air-Kino „Zinnema“ jeden Abend ein anderer Film über die Leinwand. Auch bei Regen bietet das Format trockene Plätzchen – die mobilen Gerüstelemente sind sowohl Projektionsfläche als auch Sitzgelegenheit.

 

 


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Bürgerhaus

Malen und Zeichnen im Bürgerhaus

Malen + Zeichnen

Elke Wilbers ist konzentriert beim Zeiochnen im Bürgerhaus.
Foto: Lilo Glatz

PM. Ab Mittwoch, 13. September 2017, malen und zeichnen wir wieder mit Acry- lund Aquarellfarbe, Pastellkreide, Kohle und Bleistift. In der ersten Zeit kann benötigtes Material gestellt werden. Der Unkostenbeitrag beträgt pro Termin 7 Euro.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Liselotte Glatz, Tel. 040 76994738.

Malkurs: Jeden Mittwoch von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr, ab 13. September 2017,
Bürgerhaus Wilhelmsburg,
Mengestraße 20, 1. Stock, Raum 221

 

 

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Was braucht Wilhelmsburg?
Team der Friedenskirche in der Weimarer Straße holt Stimmungsbild ein

Karsten Mohr. Ein Team der Friedenskirche in der Weimarer Straße stellte diese Frage vom 29.6. bis 1.7. den PassantInnen auf dem Stübenplatz und dem Berta-Kröger-Platz. Cirka 220 Antworten wurden auf Zetteln gesammelt und sortiert. Aus den Antworten kristallisierten sich schnell einige Schwerpunkte heraus: Sicherheit und Sauberkeit, Angebote für (kleine) Kinder, mehr Kultur und Begegnung, ein Kino usw. Auch wenn die Befragung nicht repräsentativ ist, bietet sie doch ein Stimmungsbild und Ansätze für nötige Veränderungen.
Pastor Karsten Mohr möchte die Ergebnisse im Stadtteilbeirat, Regionalausschuss und in den kirchlichen Gremien weiter vorantreiben. Aber die Friedenskirche in der Weimarer Straße will sich auch selbst mehr engagieren.

Die Aktion auf dem Stübenplatz und dem Berta-Kröger-Platz war ein gutes Beispiel. Die Umfrage wurde unterstützt durch eine mobile Bühne, auf der gesungen wurde. Eine Hüpfburg war der Anziehungspunkt für Kinder und Familien. Die Wilhelmsburger Tafel hatte einen großen Grill- und Kuchenstand aufgebaut. Zum One-World-Team gehörten MitarbeiterInnen aus fünf Ländern, die sich in mindestens 10 Sprachen verständigen konnten. So wurden viele Flüchtlinge und MigrantInnen in den Dialog einbezogen. Es entstand – für Wilhelmsburg typisch – eine multikulturelle, bunte Atmosphäre mit vielen bewegenden Begegnungen. So brachte ein Flüchtling der frierenden Gruppe auf dem Stübenplatz bei dem Dauerregen am Freitag warmen Tee. Bei einigen Menschen gab es Tränen, bei anderen strahlende
Gesichter, als sie in ihrer Muttersprache angesprochen wurden.
Auf die Frage: „Was braucht Wilhelmsburg?“ antwortete ein Mann spontan: „Brückenbauer“. „Genau das wollen wir mit der Friedenskirche sein“, erwiderte Pastor Mohr. In die InselArche, die zzt. erweitert wird, kommen Kinder aus vielen verschiedenen Ländern. Zu allen Veranstaltungen kommen MigrantInnen und Flüchtlinge. Sie sind ein großer Gewinn für die Gemeinschaft. Der Name „Friedenskirche“ ist Programm.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

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Ballinstadt-Jubiläum
Auswanderermuseum erst einmal für weitere zehn Jahre auf der Veddel

Koffer

Sonderausstellung in der Ballinstadt bis zum 3. September 2017:
„Bin Abgereist – Koffergeschichten“.

Foto: MG

MG. Viele glaubten vor zehn Jahren nicht an eine langfristige Perspektive für das Auswanderermuseum auf der Veddel und es sah auch nicht immer gut aus für das Erlebnismuseum, das ohne öffentliche Zuschüsse zum laufenden Betrieb überleben muss. Jetzt sieht es gut aus und im vorigen Jahr wurde der Vertrag mit der Stadt Hamburg für weitere zehn Jahre verlängert.
Seit dem Umbau und der Erweiterung im vorigen Jahr wird in der neuen Hauptausstellung die Ein- und Auswanderergeschichte über vier Epochen hinweg bis zur Gegenwart gezeigt. War Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts ein Land, aus dem Menschen vor der Armut flüchteten, so ist es inzwischen zu einem Hoffnungsland für viele Menschen geworden.
Für Jung und Alt gibt es das multimediale und interaktive Spiel „SIMMIGRANT“, das eine ganz persönliche „Auswanderung“ simuliert.
Das Familienforschungszentrum ermöglicht die Suche nach Familienmitgliedern, die ausgewandert sind. Über 5 Millionen Daten wurden digitalisiert. Einmalig ist, dass diese Daten auch die vorherigen Wohnorte der Auswanderer enthalten, was die Suche erleichtert. Das Familienforschungszentrum ist separat zugänglich und kostenlos nutzbar.

 

 

 

 

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MS Dockville bleibt bis 2022 in Wilhelmsburg

PM. Seit zehn Jahren verwandelt das Festival MS Dockville den Hamburger Hafen am Reiherstiegknie in Wilhelmsburg zu einem international beachteten Ort für Kunst und Kultur. Gerade wieder sind vom 18. bis 20. August 60.000 Besucherinnen und Besucher auf die Elbinsel gekommen, um über 180 Bands und DJs zu hören und die unterschiedlichen Kunstprojekte (MS Artville, Daughterville, Lüttville) zu besuchen. Jetzt haben sich die Stadt und die Hamburg Port Authority (HPA) mit den Veranstaltern darauf verständigt, das Gelände befristet bis 2022 weiter für das Festival MS Dockville zur Verfügung zu stellen.
Die befristete Zwischennutzung füllt den Zeitraum bis zum Beginn der geplanten Sanierung des Geländes für eine angestrebte gewerbliche Nutzung. Es ist geplant, dass sich die Sanierung des Geländes und danach eine gewerbliche Nutzung nach 2022 unmittelbar anschließen. Sollte das nicht der Fall sein, würde sich die Vereinbarung jeweils um ein weiteres Jahr verlängern. Für eine bessere Planbarkeit wird hierüber erstmals im Frühjahr 2020 entschieden.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Das MS Dockville Festival hat sich in elf Jahren zu einem international anerkannten Aushängeschild der Kulturstadt Hamburg entwickelt. MS Dockville lebt in besonderer Weise von dem einmaligen Ambiente direkt im Hafen, wie es so nur in Hamburg möglich ist.“
Frank Diekmann, Geschäftsführer Kopf & Steine (MS Dockville): „Wir freuen uns sehr, dass wir nach elf tollen Jahren am Reiherstieg in Wilhelmsburg nun erstmalig eine fünfjährige Planungssicherheit haben.“

 

 

 

 

 

 

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Neuerdings steht ein Baum von Ai Weiwei im Wälderhaus

Baum

Bei Ai Weiweis „Tree“ handelt es sich um einen Baum aus der
Sammlung Boros mit einem Durchmesser von ca. fünf Metern.

Foto: Barbara Makowka

PM. Eine Skulptur aus der Reihe „Tree“ des chinesischen Künstlers und Dissidenten, der zurzeit in Deutschland im Exil lebt, ziert seit Anfang April die Eingangshalle des Wälderhauses.
Ai Weiwei hat in seinem Werk unter Verwendung der traditionellen chinesischen Handwerkskunst eine einzigartige künstlerische Handschrift entwickelt, die als Referenz an das kulturelle Erbe seines Heimatlands zu verstehen ist. Mit „Tree“ schuf Ai Weiwei im Jahr 2009 eine Serie großformatiger Baumskulpturen, die aus abgestorbenen Holzstämmen aus den Bergregionen im Süden Chinas bestehen.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

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Winter- / Sommerlektüre

 

Rückkehr nach Reims von Didier Eribon

Klaus-D Müller. In Frankreich stehen die Präsidentschaftswahlen an und Marine Le Pen könnte Präsidentin werden. Als Europäer interessiere ich mich für den mir nicht sehr bekannten Nachbarn Frankreich. Ausgiebige Informationen bietet dazu die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb). Bei dem Versuch die Besonderheiten zu verstehen wird auf
einen Roman verwiesen. Die bpb bietet das Buch auch direkt zum Kauf an.
Der Soziologe Didier Eribon verließ seine Heimat in der Champagne als sehr junger Mann. Der Sohn einer Arbeiterfamilie wurde in Paris zum bekannten Intellektuellen und grenzte sich bewusst von seinem Herkunftsmilieu ab - verleugnete es im Bemühen um soziale Anerkennung sogar. Jahrzehnte später kehrt er in seine Heimatstadt Reims zurück. Dies nimmt er zum Anlass für eine autobiografische Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte, die er mit einer soziologischen Analyse seines Herk unftsmilieus verknüpft.
Eine seiner dringlichsten Fragen: War um wenden sich Schichten, die traditionell Wähler linker Parteien und Unterstützer linker Politik waren, nun in großer Anzahl rechtsextremen Kräften wie dem „Front National“ zu? Zwar waren, wie Eribon auch an seiner eigenen Biografie veranschaulicht, Homophobie, Fremdenhass und verfestigte Einstellungen in der Arbeiterschicht und darüber hinaus immer schon latent vorhanden, doch sie dr ückten sich bisher nicht in starkem Zuspruch zu rechtsextremen Kräften aus. Eribon erklärt diesen Umschwung unter anderem mit Klassenunterschieden, veränderten ökonomischen Bedingungen und Versäumnissen linker Politik.
So erlangt seine Gesellschaftsanalyse auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus Gültigkeit. Und richtig: man bekommt eine Vorstellung vom System der schulischen Bildung und warum es nur theoretisch „allen freien Bürgern“ die bestmöglichen Bildungschancen bietet. Also empfohlen für das Bildungssystem und die Klassenunterschiede in Frankreich. Wir erinnern uns an die Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung
ISBN 978-3-7425-0005-2, 4,50€

www.bpb.de

 

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

Buch

MG. Johann Anders, nach zahlreichen Knastaufenthalten nur noch Mörder Anders genannt gründet zusammen mit der Pfarrerin Johanna Kjellberg und dem Hotel-Rezeptionisten Per Persson die „Körperverletzungsagentur“. Die Nachfrage läuft blendend, aber irgendwann fragt Mörder Anders nach dem Sinn des Ganzen und kommt mit Jesus ins Gespräch. Das führt zu einer neuen Geschäftsidee.
Das erste Buch Jonas Jonassons „Der Hunderjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ wurde zum Weltbestseller und auch verfilmt. Nach dem zweiten Roman „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ setzt der Autor nun mit seinem dritten Roman seine Geschäftsidee, skurrile Menschen in skurrilen Sit uationen zu beschreiben, fort.
Es entstand eine nette Geschichte, eine witzige Urlaubslektüre, die aber – wie leider so oft bei Serien – nicht mehr den Pep des „Hundertjährigen“ hat.

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind
Jonas Jonasson – ISBN 978 -3-570 - 58563-7

 

 

Wörter an die Macht

Buch

hk. Vor fünf Jahren erschien schon einmal ein kleines Buch „Wörter an die Macht“. Damals war es das Endprodukt eines Geschichtenseminars mit SchülerInnen von den Elbinseln.
Initiiert vom „Förder werk Elbinseln e.V.“. Das neue Projekt „Wörter an die Macht 2014“ wandte sich an Menschen unterschiedlichen Alters. „Die jüngste Teilnehmerin war 16, der älteste 75 Jahre alt,“ schreiben die Projektleiter Jörg Ehrnsberger und Thorsten Stegemann im Vorwort des Buches. Es gab SchreibanfängerInnen und Profis, geborene und zugezogene WilhelmsburgerInnen. Eine Asylbewerberin musste nach der Hälfte des Projekts ausreisen. Herausgekommen ist eine Sammlung ganz unterschiedlicher Texte vom nüchter nen Bericht über den Nachteinsatz eines Deichwarts bis zur feinen Kurzstory über ein Mädchen, das nicht nein sagen konnte. Es gibt Lustiges: eine Frau von der Bauaufsicht fällt in der Soul-Kitchen-Halle von der Leiter; auf einem Hinterhof spielen die Kinder Zirkus Krone.

Und es gibt Anrührendes: Eine alte Türkin, die so sehr den Garten in ihrem Dorf vermisst, findet per Zufall den interkulturellen Garten. Es gibt Geschichten über Konflikte mit und ohne Happyend, und natürlich gehört eine (Fast-) Kneipenschägerei auch dazu. Die Herausgeber laden die Leser von außerhalb dazu ein, mit dem Buch einen neuen Blick auf die – exotischen – Elbinseln zu entwickeln. Man kann „Wörter an die Macht“ aber auch einfach als gute Geschichten aus dem ganz normalen Leben lesen.

Wörter an die Macht, Hg. Edmund Siemers und Michael Seufert,
Förderwerk Elbinseln e.V.
148 Seiten, 13,50 Euro

 

Neues Buch über Wilhelmsburger Straßen
Überblick, Geschichte und viele Bilder auf 60 Seiten

Reichsstrasse

Die Wilhelmsburger Reichsstraße im Jahr 1952.
Foto: ein

PM. Jugendstilgiebel, stuckverzierte Fassaden, in den Eingängen farbige Kacheln mit maritimen Motiven: Das ist die Fährstraße im Wilhelmsburger Nordwesten - plötzlich durchschnitten von einem Deich. Wie kam das? Geschichte liegt auf der Straße! Man muss sie nur aufheben. Auf den Elbinseln Wilhelmsburg und der Veddel sind es ungeheuer viele Geschichten. Das unterscheidet sie von fast allen Hamburger Stadtteilen.

Das Kuriose: Kaum zu glauben, Passierzettel soll eine Straße sein? Aber es stimmt. Dahinter steht eine fast vergessene Geschichte das Hamburger Hafens: Passierzettel heißt eine kleine Straße auf der Veddel - ein Hinweis auf die direkte Nachbarschaft zum Freihafen, den man nur mit dem besagten Papier betreten durfte.

Das Geläufige: Überall findet man Straßen, die an bedeutende Persönlichkeiten erinnern. Gängig als Namensgeber sind die Vorbesitzer des Geländes, die mit Land- und Grundbesitz Geschichte schrieben. Wie zum Beispiel Georg Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, dem nicht nur die Insel, sondern auch eine der Hauptstraßen ihren Namen verdankt.

Das Neue: Wilhelmsburg verändert sich, neue Straßen erzählen neue Geschichten. Etwa die von Dursun Akçam: Nach ihm ist seit 2015 ein Uferweg am Veringkanal benannt. Der türkische Schriftsteller wirkte in Wilhelmsburg lange für das Verständnis zwischen Einheimischen und Migranten.

Geschichte der Inseln erkunden:
Ungewöhnlich viele Straßennamen hier erzählen über frühere Landschaftsformen im
Grenzgebiet zwischen Fluss und Land: Der Name Pollhornbogen zum Beispiel im südwestlichen Gewerbegebiet Wilhelmsburgs geht zurück auf ‚Pullhorn‘: früheres Außengelände vor dem grünen Deich. Horn: Winkel, Ecke. Pull bedeutet Spitze. Pullhorn ist also vielleicht die spitze Ecke einer früheren Insel oder Halbinsel gewesen.

Das Alte: verschwindet. Die Wilhelmsburger Reichsstraße wird würdig verabschiedet…

Auf 60 Seiten bietet das kleine Buch einen aktuellen Überblick über alle Straßen Wilhelmsburgs und der Veddel und ihre Geschichte, reich bebildert mit 100 Fotos aus über 100 Jahren Stadtteilgeschichte. Herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen, 60 Seiten, 6 Euro.

Erhältlich in der Buchhandlung Lüdemann, im Museum Elbinsel Wilhelmsburg und natürlich in der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg, HONIGFABRIK, Industriestr. 125-131, Tel. 040 42 10 39 15,
www.geschichtswerkstatt-wilhelmsburg.de. Mail: markertm@honigfabrik. de

Buch

 

 

Buchrezension: Der verschollene Schlüssel
Eine realistische und erschütternde Migrantengeschichte

Buch

hk. Auf den ersten Blick ist „Der verschollene Schlüssel“ ein Krimi. In Lüneburg wird ein junger Afrikaner mit schweren Stichverletzungen aufgefunden. Ein Kripobeamter muss ihn im Krankenhaus befragen, um die Täter – offenbar Landsleute – ausfindig zu machen. Der junge Mann, Addae, erzählt ihm dann aber die ganze Geschichte von Anfang an. Und so ist das Buch neben dieser kleinen Rahmenhandlung im Kern – und auch vom Umfang – die Geschichte von Addaes langer und gefahrvoller Reise von seiner ghanaischen Heimatstadt Yendi bis ins „Schlaraffenland“ Deutschland, wo er schließlich zufällig in Lüneburg landet.
Es ist die Geschichte von der Abenteuerlust junger Männer und der Hoffnung auf ein besseres Leben, von Banden und Wegelagerern in der Wüste und von afrikanischen Sklavenhaltern. Von verbrecherischen Schleppern, die für den Tod von tausenden von Flüchtlingen verantwortlich sind.
Der Autor Karsten Hoff ist im Hauptberuf Kommissar auf der Wilhelmsburger Revierwache 44. Hintergrund seiner Geschichten sind wahre Begebenheiten aus seinem Berufsalltag. In seinem ersten Roman „Glück oder Seligkeit“ war es der Einsatz gegen einen Obdachlosen, der in eine Laube eingebrochen war (siehe auch WIR 4/2012).
Im vorliegenden Buch war es ein versuchter Totschlag an einem jungen Migranten in Wilhelmsburg, ein Racheakt einer nordafrikanischen Gang, aus der der junge Mann aussteigen wollte. Im Buch wurde der Fall nach Lüneburg verlegt.

Auf der Grundlage seiner eigenen Erlebnisse und seiner Recherchen erzählt Karsten Hoff eine realistische und erschütternde Migrantengeschichte. Er malt nichts schön. Die jungen Männer sind keine unschuldigen Sympathieträger. Die Gang, aus der Addae aussteigen wollte, ist wegen Raub und Körperverletzung revierbekannt. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Ursachen der Flucht die elenden Zustände in Afrika sind und die – vergeblichen – Hoffnungen der Menschen. Und dass wir es sind, denen es im Verhältnis gut geht.
Ein Schlüsselerlebnis während der Arbeit am Buch, so Karsten Hoff, waren die „Fragen an besorgte Bürger“ des DGB-Bayern. Er stellt sie als Anhang an den Schluss des Buches. Die ersten drei Fragen lauten: Haben Sie eine Wohnung? Haben Sie ausreichend zu essen? Schlafen Sie im eigenen Bett?

Karsten Hoff: Der verschollene Schlüssel; Eine Reise ohne Rückkehr,
Verlag BoD Norderstedt 2016, 230 Seiten, 8,50 Euro.

 

 

 

*Die Hyäne von Hamburg

Hyäne-Buch


pv. Zwei Tote, acht Schüsse, sechs Projektile. Eine verletzte Zeugin, die mehr gesehen zu haben scheint als sie sagt. Ein myster iöser Kriminalfall für Kommissar Kastrup und seine Kollegen von der Hamburger Kripo: Die „Hyäne“ tötet dem Tod geweihte Junkies, um ihre Identitäten weiterzuverkaufen.
Ein Thriller, der durchaus glaubwürdig in Szene gesetzt ist. In Industriebrachen und Parks, unter anderem in Wilhelmsburg, verankert der Autor seinen Thriller mit präziser Ortskenntnis. Auffällig an diesem Roman ist, dass die eigentliche Handlung in eine Vielfalt von Nebenszenen eingebettet ist. Der Autor thematisiert in diesen Nebenszenen die heimische Bevölkerung, deren politische Situation aber auch persönliche Schicksale.
Immer wieder tauchen Spuren und Verdächtige auf, verschwinden wieder und lassen den Thriller unfertig wirken. Ehlers gelingt es dennoch, den Leser ständig durch einen sachlichen Erzählstil, kombiniert mit Dialogen, in seinen Bann zu ziehen. Er überrascht immer wieder mit neuen Wendungen .
Ein durchaus spannender und unterhaltsamer Krimi.

Die Hyäne von Hamburg,
Jürgen Ehlers,
KBV Verlag, 287 Seiten,
10,95 Euro.

 

 

Mädchenmeute

hk. Erstmal ist „Mädchenmeute“ ein spannendes Jugendbuch. Sieben Mädchen lernen sich kennen als Teilnehmer innen eines Survival-Feriencamps in einem ehemaligen DDR-Pionierlager. Schon am ersten Tag passieren merkwürdige Dinge. Irgendjemand sperrt sie ein, die durchgeknallte Camp-Organisatorin macht sich aus dem Staub. Die Mädchen beschließen, abzuhauen und die zwei Ferienwochen im Erzgebirge zu verbringen. Dort kennt eins der Mädchen, Anuschka, einen verlassenen Bergwerkstunnel, den ihr ihr Großvater einmal gezeigt hat. Auf dem Weg dorthin klauen sie noch ein Hundefängerauto im guten Glauben, die Hunde vor dem sicheren Tod zu retten.
Es folgen zwei Wochen voller Abenteuer, Freiheit, Streitereien und Freundschaft und kleinen Tragödien. Zum glücklichen Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, ein Mädchen muss ins Krankenhaus, sie entdecken, wer die ganze Zeit hinter ihnen her spioniert hat, und kommen nebenbei in dem Tunnel dem finsteren Geheimnis des besagten Großvaters auf die Spur.
Die sieben Mädchen sind dabei eine bunte Truppe von ganz unterschiedlichen Charakteren. Vom 12-jährigen Küken Antonia bis zur Ältesten, Anuschka, die zur Not glaubhaft eine Junglehrerin mimt. Von der Anführerin, der rebellischen Bea, die im Stehen vom Dach pinkelt – „Mädchen können alles“ – bis zur schüchternen Ich-Erzählerin Charly, die im Lauf der zwei Wochen immer mutiger wird.
Und man merkt der Schilder ung an, wie sympathisch die Figuren und ihr Abenteuer der Autorin Kirsten Fuchs sind.
Was dieses Jugendbuch besonders macht, ist der Stil. Kirsten Fuchs ist prominentes Mitglied der Berliner Lesebühnenszene und eine preisgekrönte Satirikerin. Sie schreibt in einer oft schnodderigen Alltagssprache, voller Witz und mit umwerfend komischen Bildern. An einer Stelle sagt die schüchter ne Charlotte: „Ich spuckte auf den Boden. Nie würde ich mir das wieder nehmen lassen. Ich war dürr – na und? Ich war langsam ¬ leck mich! Meine Nase sah aus wie der Griff einer Gießkanne – JAWOLL! So sieht sie aus, diese Nase. Ich habe keine andere.“
Das Buch eignet sich also auch prima zum Vorlesen. Und im nächsten Jahr wird es verfilmt.

Mädchenmeute, Kirsten Fuchs,
Rowohlt Taschenbuch Verlag,
463 Seiten, 9,99 Euro

 

Käsebier erobert den Kurfürstendamm


sic. Dieses Buch hören Sie beim Lesen. Großstadtlärm, Stille in den Seitenstraßen, den schwungvoll-ungehobelten Gesang des Varietésängers Käsebier, Schritte, Schreibmaschinen, Stimmen ... Und Sie sehen sie vor sich, die unterschiedlichen Menschen: die unglücklich verliebte Redaktionssekretärin, den Untermieter, den Baulöwen, den Bankier und seine Gattin. Sie sehen auch Schreibtische mit mehr oder weniger wichtigen Männern dahinter, den Setzer in seiner Setzerei, armselige Zimmer und prächtige Wohnungen, das billige Varieté und das noble.
Die wiederentdeckte Geschichte vom medial hochgejubelten Sänger Käsebier und allen, die an diesem zweifelhaften Ruhm partizipieren möchten, spielt im Berlin am Ende der Weimarer Zeit. Die Themen der rasanten Geschichte sind aktueller denn je: Es geht um die Definition von „Kunst“, um Prominenz, Stars und Sternchen und um einen mittelmäßigen Unterhalter, der zum Künstler hochgehypt wird. Es geht um den Verlust von Qualitätsjournalismus zugunsten von Wirtschaf tlichkeit, um Wohnungsnot und Wohnungsbau, Abstiegsängste, Verarmung und abgehobene Superreiche.
Das Ganze ist höchst witzig und intelligent erzählt. Die Autorin Gabriele Tergit war Journalistin in Berlin und Deutschlands erste Gerichtsreporterin. Sie schreibt im Reportageton, schnell, farbig, direkt, erweckt mit wenigen Worten ganze Szenerien und Milieus zum Leben. Zwischendrin findet sie fast lyrische Bilder, erinnert darin an ihre Zeitgenossin Mascha Kaléko. Den Grundton bildet eine feine, ironische Distanz.
Grandios sind auch die Dialoge. Über weite Strecken benötigt die Autorin überhaupt keine näheren Beschreibungen des Sprechens, es heißt einfach nur „sagte Margot“ oder „fragte Oberndorfer“, oft noch nicht einmal das. Denn die wörtliche Rede hat bei Gabriele Tergit alles schon in sich, sie charakterisiert die Personen, lebendig und individuell, und den Ton ihrer Unterhaltung.
Allein wegen der wundervollen Sprache, macht es Riesenspaß, dieses Buch zu lesen. Doch auch alle, die einfach nur gute Geschichten wollen, kommen auf ihre Kosten. Denn man wird mitgerissen wie die Figuren selbst, wander durch die unterschiedlichen Großstadtmilieus und bekommt en passant auch eine ganze Menge mit über das Ende der Weimarer Republik.
Als der Roman 1931 herauskam, war er ein großer Erfolg. Gabriele Tergit emigrierte 1933 nach Palästina, zog 1983 nach London, wo sie bis zu ihrem Tod 1982 lebte.

Käsebier erobert den Kurfürstendamm,
Gabriele Tergit,
Schöffling & Co., 398 Seiten, 24,95 Euro

 

*Die Vollpfostenmasche

Vollpfostenmasche


MG. Torsten Hantsch, Verwaltungsangestellter, gesetzestreu und bis vor kurzem mit seiner strengen Mutter zusammen lebend, findet zum Ende seines Jahresurlaubs auf Amrum beim Strandspaziergang einen Feuerlöscher. Er würde ihn gern behalten, will aber vorher wissen, ob er noch in Ordnung ist.
Dazu sucht er den Wartungsdienstmitarbeiter Petter Jensen auf, der sofort erkennt, dass der Löscher kein Löschpulver, sondern kleine weiße Päckchen mit Koks enthält.
Hantsch will sofort zur Polizei aber es kommt immer was dazwischen und schließlich lässt er sich von Jensen überreden, das Rauschgift zu verkaufen. Petter braucht Geld und Hantsch sieht sich schon im Besitz eines alten Opel Diplomats.
Die ganzen Verwicklungen, in die die beiden geraten, sind überraschend und spannend. Wie das ungleiche Duo die brenzlichen Situationen meistert ist ein großer Lesespaß.

Die Vollpfostenmasche,
Ria Klug,
ISBN 978-3-89425 - 451-3,
9,99 Euro

 

 

Buch

Club der Töchter*
pv. Natasha Fennells Mutter kommt schwer erkrankt ins Krankenhaus. Natasha fragt sich, ob sie ihr wohl eine gute Tochter ist. Was möchte sie noch mit ihr unternehmen, ihr sagen oder sie fragen? Ihre Gedanken for muliert sie in einer Kolumne, auf die sie zahlreiche Resonanzen unterschiedlichster Frauen bekommt.
Gemeinsam mit Róisín Ingle gründet Fennells mit neun Frauen den Club der Töchter. Aus diesen Gesprächen entsteht ein Buch, in dem die Frauen über von ihren persönlichen Geschichten und Beziehungen zu ihren Müttern erzählen. Dabei wird schnell klar: Jede von ihnen möchte etwas verbessern, der Mutter Zeit oder Aufmerksamkeit schenken oder Dankbarkeit aussprechen.
Dieses Buch erhält durch die persönlichen Geschichten und Kommentare der Autorinnen einen Sachbuchcharakter. Doch es ist kein Ratgeber mit konkreten Vorschlägen, sondern ein eher individuelles Stimmungsbild jeder der Frauen und ihres Mutter-Tochter-Verhältnisses.
Man liest die Berichte und ist zum Teil erfreut, erschrocken, traurig und tief berührt. „Club der Töchter“ behandelt ein Thema, über das sich vielleicht die meisten Frauen wenig Gedanken machen, das aber fast jede Frau früher oder später beschäftigen wird: War/bin ich meiner Mutter eine gute Tochter? Oder im schlimmsten Fall: Wieso denke ich erst jetzt darüber nach, wo sie tot ist? Ein bewegendes Buch mit unterschiedlichen Aspekten, die man selbst so nicht erlebt haben muss, die aber nachdenken lassen über das eigene Verhältnis zur Mutter.

Natasha Fennell, Róisín Ingle: Club der Töchter,
240 Seiten, Ki-Wi-Verlag, 2016 ,9.99 Euro, ISBN 978-3-462-04873-5

 

Coolman

Coolman und ich. Ab in die Schule!*

sic. Da hat die Jury des Preuschhofpreises tatsächlich ein super Buch auf den 1. Platz gewählt! Die Thematik „Einschulung“ wird hier einfach als Grundlage für eine lustige, anarchische Geschichte über Kinder und Schule genutzt.
Der Ich-Erzähler Kai betritt die neue Institution an der Seite seiner besorgt-aufgeregten Eltern und seines unsichtbaren Kumpels Coolman. Coolman will immer nur Aufmerksamkeit, Spaß und die Bonbons aus Kais Schultüte haben. Die schulischen Abläufe demontiert er nach Herzenslust.
Das macht soviel Spaß, dass auch ErstleserInnen, die ihre Einschulung schon hinter sich haben, das Buch mit Freude lesen können. Auch prima: Sprachlich traut es den ErstleserInnen Einiges zu. Die Sprache ist schlicht und dennoch niveauvoll und niemals gekünstelt kindlich. Auch die Illustrationen sind gelungen. Frech und lebendig, genau hingesehen. Kleine Comic-Elemente sorgen für Bewegung, die Bilder sind bunt, ohne grell zu sein. Die Kombination von Text und Bild ist locker und angenehm anzuschauen.

Rüdiger Bertram/Heribert Schulmeyer: Coolman und ich. Ab in die Schule! Oetinger,
39 Seiten, 7,99 Euro

 

Friedensträume

Traum von Frieden*

pv. Der Junge, der vom Frieden träumte, ist ein Roman, der das Schicksal des jungen Palästinensers Achmed erzählt. Nachdem seine zweijährige Schwester auf einem Minenfeld stirbt und sein Vater unverschuldet inhaftiert wird, kämpft Achmed mit 12 Jahren um das Überleben seiner inzwischen total verarmten Familie. Hochbegabt gewinnt er ein begehrtes Stipendium an einer renommierten jüdischen Universität, studiert, arbeitet unter härtesten Bedingungen und erhält den Nobelpreis für Physik.
Das Schicksal des Protagonisten beginnt ab der ersten Seite und steigert sich bis zur letzten Seite ins Emotionalste. Wie Achmed sein Leben lebt und wie er damit umgeht, ist faszinierend, erschreckend und berührend zugleich. Michelle Cohen Corasanti, Jüdin, Anwältin für Menschen rechte, besuchte die Hebrew University of Jerusalem, wo sie ihren Master in Nahostwissenschaften machte.

Michelle Cohen Corasanti: Der Junge der vom Frieden träumte,
Fischer Verlag 2016, 400 Seiten,
9.99 Euro

 

Teheran

Nachts ist es leise in Teheran*

hk. Es ist die Geschichte einer Familie, die 1979 aus dem Iran flüchten musste und seit über vierzig Jahren in Deutschland lebt. In vier Abschnitten erzählen Vater, Mutter, Tochter und Sohn eine persönliche Episode, die jeweils für ein Jahrzehnt der Entwicklung in Deutschland und im Iran steht. Der Vater Behsad muss als junger kommunistischer Aktivist miterleben, wie nach dem Sturz des Schahs unter dem Chomeini-Regime Verfolg ung und Terror gegen Oppositionelle von Neuem beginnen.
Er flieht mit seiner jungen Frau und Genossin Nahid und seinen beiden kleinen Kindern nach Deutschland. Im zweiten Abschnitt berichtet Nahid zehn Jahre nach der Flucht von ihren Alttagsproblemen. Sie fühlt sich im mer noch unsicher und es fällt ihr schwer, angesichts der Unterdrückung im Iran die Umweltängste ihrer deutschen Freunde ernst zu nehmen.
Im dritten Abschnitt beschreibt die Tochter Laleh einen Besuch im Iran 1999. Sie erkennt die Verwandten kaum wieder, beherrscht die Sprache nicht mehr richtig. Sie fühlt sich wieder angekommen und doch fremd.
Und im vierten Kapitel erzählt ihr Bruder Mo. Er ist 2009 als Student an einer deutschen Uni Teil der Generation Betriebswirtschaft. Manchmal ist er von seinem Studentenleben angeödet, an Demonstrationen gegen hohe Studiengebühren beteiligt er sich eher lustlos. Aber er, der die Daten der iranischen Revolution googeln musste, beginnt sich für die aufkommenden Proteste im Iran nach den gefälschten Wahlen politisch zu interessieren.

Die Autorin Shida Bazyar wurde als Kind iranischer Flüchtlinge 1988 in Rheinland-Pfalz geboren. Ihre eigene Familiengeschichte bildet den Hintergrund. Sie will den Roman aber nicht als Biographie verstanden wissen. Die Figuren sind fiktiv. „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein moderner Auswandererroman. Das Schicksal zweier Generationen macht einmal mehr anschaulich, wie schwer aber auch normal es ist, dass Menschen ihre Heimat verlassen (müssen) und Teil einer anderen Gesellschaft in einem anderen Land werden. Es geht in dem Roman aber auch immer um den Widerstand im Iran. Mit Grundkenntnissen über die jüngere Entwicklung des Landes hat man noch mehr von dem Buch.

Nachts ist es leise in Teheran, Shida Bazyar,
Kiepenheuer und Witsch,
275 Seiten, 19,99 Euro.

 

 

 

 

 

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