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Kannst Du Deine Miete noch zahlen? Gemeinsam gegen drohende Armut - 6.5.2020

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„Kannst Du Deine Miete noch zahlen?"

Miteinander sprechen über finanzielle Fragen in Zeiten von Corona

AG Mieten-Wilhelmsburg Solidarisch/PM. Viren sind nicht die einzigen Risiken, denen Menschen derzeit ausgesetzt sind. Soziale Distanz ist ein weiteres, und Armut oder drohende Armut waren schon immer ein gesellschaftliches Risiko.

Gemeinsames Handeln

Es gibt unterschiedliche Wege, dem Armutsrisiko zu begegnen: sich als Arbeitskraft verdingen, sich gegen das Jobcenter wappnen, der Angst nicht so viel Raum geben oder auf soziale Netzwerke und Solidarität miteinander setzen, sich nicht dem Druck des individuellen Überleben-Müssens beugen. Viele Menschen haben kaum Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Die Lohnarbeit reicht zum Leben nicht und die individuelle gesellschaftliche Position bringt keine Macht mit sich, den Behörden die Stirn zu bieten.

Neue Armut durch die Corona-Krise

In Wilhelmsburg ist das durchschnittliche Einkommen so niedrig und sind die Mieten im Verhältnis dazu so hoch, dass für viele der Lohn in normalen Zeiten gerade eben so ausreicht; verringert er sich (z.B. durch Kurzarbeit), gibt es keinen Puffer. Hinzu kommt, dass nach Monaten des verringerten Lohns nicht plötzlich so viel mehr verdient wird, dass die gestundete Miete in ein paar Monaten nachgezahlt werden kann.

Viele verlieren in dieser Corona-Zeit gerade ihre Jobs oder ihre Löhne verringern sich – durch Kurzarbeit, Wegfall von Schichtzuschlägen oder Trinkgeld, durch nicht gesicherten, bar ausgezahlten Lohn.

Wir wollen klingeln, zuhören, nachfragen

Wir fragen uns, wie es in dieser Krise den Menschen um uns herum ergeht. Wir wollen klingeln, zuhören, nachfragen (ja, mit ausreichend Abstand!). Denn wir wollen nicht plötzlich vom Sofa aus eine Zwangsräumung gegenüber beobachten. Wilhelmsburg Solidarisch bietet seit über fünf Jahren einen Ort kollektiver Beratung, des Austauschs über Strategien im Umgang mit Behörden, Vermieter_innen und für Arbeitskämpfe. Aus diesen Erfahrungen heraus wollen wir gerne mit unseren Nachbar_innen über ihre finanzielle Situation und mögliche Strategien der Verbesserung sprechen.

Sprecht mit Euren Nachbar_innen!

Es wäre schön, wenn auch andere Wilhelmsburger_innen und Veddeler_innen sich motiviert fühlen, mit ihren Nachbar_innen über diese Fragen zu sprechen. Falls Euch Haustürgespräche spontan schwer fallen, haben wir einen Gesprächsleitfaden erstellt (http://solidarisch.org/files/2020/04/mietfragebogen_corona.pdf).  Flyer, die ihr in der Nachbarschaft an Türen hängen könnt (Deutsch, Türkisch, Englisch, Französisch), liegen im Infoladen (Fährstr 48) und bei Black Ferry (Fährstr 56) aus. In den Haustürgesprächen mit Euren Nachbar_innen könnt gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Zum Beispiel bietet es sich an, wenn ihr beim selben Vermieter oder derselben Vermieterin in Geldnot seid, gemeinsam mit diesen um Mieterlass zu verhandeln. Das können wir gerne zusammen angehen. Auch wer Anträge nicht allein machen mag oder wer sich über Ideen, wie man die Miete reduzieren könnte, austauschen will, kann sich gerne melden bei Wilhelmsburg Solidarisch.

Erste Eindrücke und Ergebnisse unserer Tätigkeit

Bisher sind unsere Ergebnisse, dass in der Corona-Situation all diejenigen, die ohnehin schon Transferleistungen – Hartz IV oder Rente – bekommen, so arm sind wie immer, aber auch nicht weniger abgesichert als zuvor. Verschlechtert hat sich die Situation für alle, die im Gastrogewerbe, als Selbstständige, in irregulärer Beschäftigung tätig sind oder von einer Mischung aus diversen Einkünften gelebt haben, mit denen es bisher immer knapp gereicht hat. Stark betroffen von Verarmung sind Migrant_innen mit einem Arbeits- oder Studien-Visum, die jetzt kein Geld mehr verdienen können, ihr Visum mit der Beantragung von Hartz IV aber verlieren würden. Noch härter ist die Situation für Migrant_innen ohne regulären Aufenthaltstitel. Auffällig ist, wie viele sagen, sie sähen sich nicht bedroht, da sie noch ein Erspartes hätten, von dem sie jetzt die Miete zahlen könnten. Diese Gewöhnung an die Armut, in der sich Erspartes von 3.000 Euro als Absicherung anfühlt, ist erschreckend. 3.000 Euro, die als viel Geld erscheinen mögen, sind in den bestehenden wirtschaftlichen (Miss-)Verhältnissen ein Witz und darüber hinaus ganz schnell aufgebraucht. In diesem Fall macht es Sinn, Hartz IV zu beantragen.

Das Gute an der Krise: Plötzlich kommen viele in die Situation, Hartz IV beantragen zu müssen. Sie erfahren nun am eigenen Leib, dass Hartz IV nicht  Ausdruck persönlichen Verschuldens sondern gesellschaftlicher Verhältnisse ist.

Kontakt:

Mail: solidarisch@riseup.net

Offenes Treffen: Jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat um 16 Uhr (genauere Informationen auf: solidarisch.org)     

Veddel Solidarisch: poliklinik1.org/veddel-solidarisch-beratungscafé-der-poliklinik


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